Till death do us part (Prolog+6)

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Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von LittleAngel am Fr Okt 15, 2010 2:31 am






Titel: Til death do us part

Fandom: Twilight

Genre: Familie, Drama, Freundschaft, Hurt/Comfort, Romanze

Charaktere/Pairings: Hope und Bella Swan, Jacob und Billy Black, die Cullens und weitere...

Warnungen: In dieser FF geht es u. a. um psychische Erkrankungen, wer damit oder mit ernsteren Themen Probleme hat, verlässt diese Geschichte an dieser Stelle bitte wieder.

Altersfreigabe: Fsk 16

Spoiler: Zeitlich gesehen befinden wir uns in Buch zwei und drei, da ich aber mal wieder vieles verändert habe, besteht absolut keine Spoilergefahr

Inhaltsangabe: „Schlimme Dinge passieren, Bella. Schlimme Dinge passieren guten Menschen. Sie verändern dich, sie ändern wer du bist und was du fühlst. Aber da ist nichts, was wir beide nicht durchstehen würden. Wir beide, du und ich- für immer.“

Wenn deine Welt zusammenbricht, wenn man dir das Liebste nimmt, wenn man dich tritt, wenn du am Boden liegst, wenn du ganz alleine bist, dann bleibt dir immer noch eins- Hoffnung. Solange du glaubst, kann dich nichts zerstören, solange du kämpfst, wirst du nicht zerbrechen. Es gibt kein Leben ohne Hoffnung.

Hope Swan kehrt nach vier Jahren nach Forks zurück, doch sie ist nicht mehr das unschuldige Kind, das man einst kannte. Ihr Körper ist schwach, ihre Seele lädiert. Dies ist ihr Weg zurück ins Leben.

Disclaimer: Die Figuren gehören natürlich Stephenie Meyer, nur Hope, die Weiterentwicklung der Charaktere und der Plot gehören mir! Geld verdiene ich leider immer noch nicht Very Happy

Anmerkungen: Diese Geschichte ist all den Menschen gewidmet, die jeden Tag kämpfen und sich niemals unterkriegen lassen, vor allem aber meiner Freundin Christin, einer der wunderbarsten Menschen, die ich jemals kennenlernen durfte. Ich hoffe, dass es dir gut geht, wo immer du jetzt auch bist.


Danke für die wundervolle Zeit!







Prolog



Es war ein schwarzer Tag für die Familie Swan. Nebel geisterte durch die Straßen von Forks, Regen prasselte seit Stunden auf den Boden und weichte die Erde auf. Der Himmel war grau und die Wolken hingen tief an diesem Vormittag. Es war kein ungewöhnliches Wetter für diese Jahreszeit und doch schien alles irgendwie anders zu sein, unheilvoll, als kündigte die drückende Stille die folgenden Ereignisse an.

Es war still an diesem Sonntag- zu still. Nicht dass es den Nachbarn der Familie Stroke auffiel. Die Bewohner des kleinen, idyllischen Fachwerkhäuschens waren beliebt. Seit dem Tod seiner besseren Hälfte arbeitete Roman Stroke nicht mehr und kümmerte sich allein und sehr liebevoll um die kleine Sarah. Es war still um die Kleine geworden, man sah sie nur noch an den Wochenenden das Haus verlassen, wenn ihre Cousine zu Besuch kam, offenbar wurde sie mittlerweile zu Hause unterrichtet. Sie war ein gutes Kind, sehr höflich und wann immer man sie mit ihrem Stiefvater sah, bot er großzügig an, sie für die älteren Damen einkaufen zu schicken oder ihnen im Haushalt helfen zu lassen. Ein tüchtiger Mann, man hoffte sehr, dass er bald das Sorgerecht für die Kleine bekommen würde. Das arme Ding, so ganz ohne Familie, zerbrochen am Tod der Mutter, mit einem Nichtsnutz als Bruder, aggressiv und ausnutzend... sie konnte einen beschützenden Vater vermutlich mehr brauchen als alles andere. Wenn jemand das arme Kind retten konnte, dann er, da war man sich sicher.

An diesem Tag allerdings war alles anders. Die Fensterläden des kleinen Häuschens waren geschlossen, die Lichter gelöscht. Es war dunkel und kein Ton war zu hören. Dann... ein leises Wispern, irgendwo aus dem Flur. Ein Schrank, zwei kleine Mädchen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, eins, das kleinere, zierlichere am Boden liegend, den Arm seltsam verdreht, die Haare voller Blut. Das größere Mädchen saß neben ihr, zusammengekrümmt, mit nacktem Oberkörper, ihr Shirt auf die Wunde ihrer Cousine pressend. Sie weinte leise, fast unmerklich. Niemand durfte sie hören. Nicht solange sie nicht in Sicherheit waren, nicht bevor ihre Eltern kommen und sie beide retten würden.

Sie summte leise, beruhigend. „Es tut mir so leid. Es ist nur meine Schuld. Du hättest das nicht tun dürfen. Es ist nur meine Schuld, meine Schuld“, wiederholte sie immer wieder. „Ich bin diejenige, die bestraft werden muss! Ich habe nicht aufgepasst, ich habe...“ Das kleine Mädchen setzte sich auf, langsam, zitternd und schlang ihren linken Arm ganz fest um den Hals ihrer Cousine. „Nein! Niemals, niemals wird er dir wehtun, niemals! Das werde ich niemals zulassen! Du bist doch meine beste Freundin, meine allerallerbeste- für immer!“ „Ja“, nickte ihr Gegenüber. „Und du bist meine. Du kommst mit mir, du kannst bei mir in meinem Zimmer schlafen und dann bleiben wir für immer zusammen- so wie Schwestern!“ Die Kleinere nickte erneut, fasste sich an den Kopf und rollte sich dann wieder auf dem Boden zusammen. „Es tut weh.“ „Ich weiß. Aber Mom und Dad werden gleich kommen und dann bist du sicher, niemand wird dir je wieder wehtun!“

„Mhh“, machte die Kleinere erneut und schloss die Augen. „Mir ist schlecht.“ „Es dauert bestimmt nicht mehr lange! Ich meine, ich weiß nicht wie lange wir schon hier sind, aber ich bin sicher, dass es schon Mittag ist, also wird Mom gleich mit den Sandwiches kommen.“ Sie verzog das Gesicht. „Wenn sie und Dad nicht wieder streiten.“ Keine Antwort. „Sarah?“ Keine Reaktion. Die wenigen Lichtstrahlen, die den Besenschrank erhellten, ließen das kleine Mädchen auf dem Boden fast tot erscheinen. Ganz bleich lag sie da, mit Blut befleckt, den Arm merkwürdig abgespreizt und das Gesicht schmerzverzerrt. Energisch packte sie sie, richtete sie auf und schüttelte sie leicht. „Du darfst nicht einschlafen!“ Nichts. „Du hast es versprochen! Denk an unseren Schwur, wir bleiben zusammen, für immer und ewig!“ „Mhh.“ „Komm schon, bleib wach, wenn du jetzt einschläfst, wirst du wirklich, wirklich krank werden! Und dann musst du ganz lange ins Krankenhaus und Mom kann dich nicht mitnehmen! Komm schon, nur noch ein paar Minuten, dann haben wir es geschafft, dann wird alles wieder gut, ja? Nur noch ein paar Minuten...“

Sie wiederholte es immer und immer wieder, einhundertunddreiunddreißig Mal um genau zu sein. Weitere drei Stunden saßen sie da, die eine blutend und halb bewusstlos, die andere vor Kälte zitternd, verängstigt und bitterlich weinend. Bei jedem Geräusch zuckte sie zusammen und presste sich enger an ihre Cousine, lehnte sich schützend über sie und murmelte ihr beruhigende Worte ins Ohr. Irgendwann, als sie selbst schon fast den Glauben verloren hatte, hörte sie endlich die Haustür quietschen. War er es? War er zurückgekommen, um auch ihr wehzutun? Wollte er ihre Cousine, ihre Schwester, ihre beste Freundin holen und wegbringen, weg von jedem den sie liebte, wie er gedroht hatte? Oder war ihre Mutter endlich zu ihrer Rettung geeilt?

„Roman? Ben? Sarah? Bella? Hey ihr Lieben, ich habe Essen mitgebracht! Lecker, lecker Sandwiches! Kinder?“ „Mom“, wisperte sie, stieß die Tür auf und krabbelte auf allen Vieren nach draußen. Das grelle Licht der Flurlampe blendete sie und so hörte sie nur das Zersplittern von Glas auf dem kalten Steinboden. „Bella? Um Himmels willen! Was ist passiert?“ Warme Hände packten sie an den Schultern, drehten sie um sich selbst, berührten ihre nackte Brust. „Ist das Blut? Isabella, um Himmels Willen, was ist denn passiert?“ „Mom, Sarah...“ „Renée“, hörte sie in diesem Moment eine Stimme hinter sich und quiekte auf, presste sich an ihre Mutter und versuchte sich gleichzeitig hinter ihrem Rücken zu verstecken. Diese Stimme hätte sie unter tausenden erkannt. Der dunkle Schatten bewegte sich näher auf sie zu. Er stank nach Bier. „Mom!“, schrie sie, hysterisch vor Angst und ihre Stimme überschlug sich. Er würde ihr wehtun, er würde ihr wehtun, weil sie seine Spielkonsole zerstört hatte. Er würde ihr wehtun, so wie er auch Sarah wehgetan hatte.

„Sarah!“, murmelte sie erschrocken und versuchte zurück zum Schrank zu laufen, wurde aber von einem harten Griff an ihrem Oberarm daran gehindert. „Was hast du getan?“, zischte ihre Mutter und bedeckte den Oberkörper ihres Kindes mit ihrem Mantel. „Was hast du widerlicher Perversling meiner Tochter angetan?“ Der Schatten lachte, widersprach, heftig, wütend und auch Bella schrie nun, versuchte ihrer Mutter klarzumachen, dass sie die falschen Schlüsse zog, dass nicht sie das Problem war, sondern ihre Cousine, dass jemand nach Sarah sehen musste. Aber Renée war zu aufgeregt, zu hysterisch um wirklich zuzuhören. „Du widerlicher...“ Sie zitterte. „Nie wieder kommst du in ihre Nähe, nie wieder, das schwöre ich dir! Du krankes Schwein...“ Damit packte sie ihre Tochter und riss die Tür auf. „Mom, nein! Sarah, Sarah!“ Auch Bella war jetzt völlig außer sich, schrie und kämpfte, um zu ihrer Cousine zu kommen, um sie zu retten, um ihr Versprechen zu halten. Sie würden für immer zusammenbleiben, nichts und niemand konnte sie trennen. So sollte es sein und so würde es sein, für immer!

Aber dann zerrte ihre Mom sie aus dem Haus und die Tür schloss sich langsam, aber unaufhaltsam. Sarah und der Schatten blieben zurück. Und sie hatte keine Chance zu entkommen.


Zuletzt von LittleAngel am So Jun 12, 2011 2:47 am bearbeitet; insgesamt 9-mal bearbeitet
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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von Aiyana am Fr Okt 15, 2010 4:03 pm

Da bin ich! MrGreen

Ich gestehe, ich war mir nicht sicher, ob diese Geschichte das richtige für mich ist, weil ich darin sicherlich das ein oder andere wiederfinden werde, in dem ich mich selbst erkenne. Doch dann las ich deine Inhaltsangabe und bekam eine Gänsehaut!

Im Prolog beginnst du mit einem grausamen Ereignis und, wie ich finde, hast du das sehr gefühlvoll umgesetzt - besonders die kleine Bella und der Horror, der sich in dem Mädchen abspielt, haben mich berührt. Dein schöner Schreibstil, der aus Sätzen besteht, die weder zu kurz noch zu lang sind und aus Wörtern, die es genau auf den Punkt treffen, untermauern das ganze noch einmal und führen einen leicht in die Handlung ein.

Einzig durch Bella und Sarah war ich ein wenig verwirrt, stand doch oben bei den Charakteren der Name Hope und nicht Sarah. Aber ich denke, hinter dieses Rätsel werde ich auch noch kommen. *g*

_________________


Nenne dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; arm ist nur, wer nie geträumt hat
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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von LittleAngel am Sa Okt 16, 2010 6:10 am

Aiyana
Endlich bekomme ich mal ein anständiges Review, alle anderen Rückmeldungen waren bis jetzt echt kurz und unbefriedigend Ich weiß ganz genau was du meinst, aber ich kann behaupten, dass ich mit den Themen sehr behutsam umgehe und bis jetzt fand ich erst Kapitel 4 triggernd (ich schreibe gerade am 16.) und schwer zu schreiben. Sollte es nötig sein, warne ich vor den entsprechenden Kapiteln noch mal, aber ich glaube nicht dass es nötig sein wird... Auf jeden Fall freue ich mich grad total, dass du dir die Mühe gemacht hast mir zu schreiben, es geht doch nichts über ein anständiges Review

Der Prolog war ja sozusagen mein Wiedereinstieg nach mehr als eineinhalb Jahren, in denen ich pausieren musste und ich bin grad superstolz, dass ich dich genauso berühren konnte wie ich mir das gedacht hatte. Ja, Bella tut mir auch furchtbar Leid in dem Kapitel und gegen Ende hätte ich am liebsten mitgeschrien oder Renée eins übergebraten, weil sie Bella einfach wegzerrt und Sarah alleine zurücklässt... Übrigens liegt der Fokus bei diesem Kapitel ganz bewusst mehr auf Bella und ich freu mir gerade einen Keks, dass du dich so gut in ihre Gefühle einfinden konntest Very Happy

Oh, du bist gut, dir ist der Namensunterschied aufgefallen Smile Im nächsten Kapitel werden auf jeden Fall schon mal die Zusammenhänge klar und von Kapitel zu Kapitel werden dann auch die Gründe aufgedeckt.

Rrrrr, ich bin grad überglücklich, diese FF bedeutet mir so viel und die Rückmeldungen hierzu sind mir besonder wichtig... Schön, dass es dir gefallen hat...

Du hast mir definitiv den Tag gerettet und deswegen wird dir jetzt auch kurzerhand das erste Kapitel gewidmet *cyberkeksehinstell*


Kapitel eins:


Hopes POV:

Mir war schlecht, wirklich, wirklich schlecht. Hier saß ich also, auf dem Rücksitz von Jakes Motorrad, nervös bis in die Zehenspitzen und auf dem Weg in mein neues altes Zuhause. Es war sicher nicht eine meiner klügsten Entscheidungen gewesen nach Forks zurückzukehren, aber ich hatte einfach nicht anders gekonnt. Charlie, Jake, Billy und Bella, vor allem Bella... sie hatten mir so gefehlt. Jeder Tag in meiner winzigen Wohnung war die reinste Qual gewesen. Jedes Mal wenn ich jemanden an der Tür gehört hatte, jedes Mal wenn das Telefon ein Geräusch von sich gegeben hatte, jedes Mal wenn ich Schritte hinter mir gehört hatte, jedes Mal wenn man mich länger als ein paar Sekunden lang angeschaut hatte, war ich zu Eis erstarrt. Ich hatte es nicht gewagt mich wirklich auf Menschen einzulassen, bei jedem neuen Kontakt hatte ich im Hinterkopf gehabt, dass ich sowieso bald wieder umziehen musste und so hatte ich nur ein paar wenige Bezugspersonen gehabt. Über das ganze Land verteilt gab es ein paar Brieffreunde und wann immer es möglich gewesen war, hatte ich mir eine öffentliche Telefonzelle gesucht um Jake anzurufen und mich auf dem Laufenden zu halten. Aber auch das hatte ich nicht oft zu riskieren gewagt, ich hatte versucht es bei einmal im Monat zu belassen, aber oft war meine Sehnsucht so stark gewesen, dass ich ihn mitten in der Nacht angerufen hatte, nur um seine Stimme zu hören. Nächtliches, stundenlanges Weinen war irgendwann zum Alltag geworden.

Jake hatte nie verstanden, warum ich jahrelang nicht nach Forks zurückkehren wollte, vermutlich hatte er es die ganze Zeit auf meine Beziehung zu Bella geschoben. Er wusste, dass wir keinen Kontakt mehr hatten, aber er hatte bis heute keine Ahnung warum. Er hatte mich einmal danach gefragt, vor gut drei Jahren um genau zu sein und damals hatte ich einen halben Nervenzusammenbruch erlitten. Er hatte nie wieder damit angefangen. Umso überraschter musste er vorgestern gewesen sein, als ich ihn von meinem Handy, das ich nur im Notfall benutzte, angerufen und gefragt hatte, ob ich für eine Weile bei ihm unterkommen könne, zwei, drei Wochen vielleicht, bis ich etwas Eigenes gefunden hatte. Es war nicht meine Art mich so aufzudrängen, wirklich nicht, aber nachdem ich Jerry, meinen geliebten Schäferhundmischling hatte einschläfern lassen müssen, nachdem er ein vergiftetes Stück Fleisch gefressen hatte, konnte ich L.A. gar nicht schnell genug verlassen. Jake hatte ich nur erzählt, dass mir meine Familie fehlte, dass ich sie alle so sehr vermisste, dass ich es keinen Tag mehr ohne sie aushalten würde, ansonsten hätte er mich sicher für paranoid gehalten. Vielleicht war ich das auch, vielleicht übertrieb ich und steigerte mich zu sehr in meine Ängste hinein. Aber tief in mir drin wusste ich, dass das nicht der Fall war. Ich war nicht verrückt.

Jake hatte versprochen Billy zu fragen und mich dann zurückzurufen, aber da ich wusste, dass Billy mich wie sein eigenes Kind liebte, hatte ich auch gewusst, dass das reine Formsache war und begonnen meine Sachen zu packen. Ich besaß nicht viel, nur ein paar Fotos, Bücher, Klamotten und einen Laptop, dazu etwas Geld für den Notfall. Und so hatte ich mein Leben in zwei Reisetaschen und einen Rucksack gepackt, Jess eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen, in der ich alles erklärte und mich ein letztes Mal auf meinem Bett zusammengerollt. Ein weiteres Mal war ich froh gewesen, dass es Organisationen wie diese gab, die jungen Menschen Unterschlupf gewährten, ich hätte nicht gewusst was ich sonst in den letzten Jahren hätte tun sollen.

Und jetzt war ich hier, hielt mich an meinem besten Freund fest und sah die bekannte Landschaft an mir vorbeifliegen. Das konnte eigentlich nur schief gehen, aber es war mir egal. Und der zuversichtliche Teil in mir hoffte einfach, dass es zu offensichtlich war, zu einfach als dass... jemand darauf kommen würde mich hier zu suchen. Es würde funktionieren, daran musste ich einfach glauben. In Forks hatte ich gleichzeitig meine schlimmste und schönste Zeit verbracht, hier lebten die wichtigsten Menschen meines Lebens. Es würde schon irgendwie klappen, es musste einfach...

Ich schlang die Arme fester um Jake und presste mein Gesicht in seine Jacke. Er roch noch genauso wie früher, nach Keksen und warmer Milch, nach Geborgenheit, nach... Zuhause. Es war wie früher, wie damals als wir noch Kinder gewesen waren und zusammen im Schlamm nach Schätzen gesucht, in der Badewanne nach verborgenen Welten getaucht oder uns nachts, nachdem wir uns gegenseitig Gruselgeschichten erzählt hatten zu Billy ins Bett gestohlen hatten. Aber verdammt- er war groß geworden! Und zwar groß groß, nicht normal groß, er hatte was von einem riesigen, breiten Teddybär. Klar, ich war schon immer etwas kleiner und zierlicher als alle anderen gewesen, aber im Vergleich zu Jake wirkte ich eher wie eine Puppe... Und verdammt, ich hasste es zerbrechlich zu wirken!

In diesem Moment bremste Jake heftig ab und ich quietschte erschrocken. Super, so viel zu meinem Vorsatz stark und selbstbewusst zu wirken, unzerstörbar... Stattdessen benahm ich mich wie ein Baby, klasse! Und während ich noch überlegte ob es meinem harten Image vielleicht helfen würde, wenn ich mir die Haare kurz schnitt, fiel mein Blick auf das Haus, vor dem wir hielten. „Jake“, machte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Ich war zwar eine Weile nicht mehr hier und mag mich nicht mehr an jede Kleinigkeit erinnern, aber eins kann ich mit definitiver Sicherheit behaupten: Das ist nicht Billys Haus.“ Mein bester Freund machte ein schuldbewusstes Gesicht und strich sich verlegen durch die kurzen, schwarzen Haare. „Werd nicht gleich sauer, okay? Ihr solltet wirklich langsam miteinander reden, das kann doch so nicht weitergehen! Du fragst ständig nach ihr und sie sieht sich immer wieder eure Bilder an, redet von dir... Hör zu, ich weiß nicht was damals zwischen euch passiert ist, aber es ist Jahre her und ihr vermisst euch, das merkt doch nun wirklich jeder! Was immer da war, kommt endlich darüber hinweg, so schlimm kann es nicht gewesen sein! Mal ernsthaft, ist es das wert? Ihr wart immer wie siamesische Zwillinge und die allerbesten Freundinnen... Was kann so schlimm gewesen sein, dass ihr bereit wart das aufzugeben?“ Er schien stinksauer zu sein.

Ich senkte den Kopf, die aufkommenden Gedanken und Gefühle krampfhaft unterdrückend. „Du weißt nicht was ich gesagt habe... Ich kann ihr nie wieder unter die Augen treten“, wisperte ich und blinzelte die Tränen weg. So viel zum Thema stark und unverwundbar, verdammt! Jake sagte nichts, nahm einfach nur meine Hand und zog mich hinter sich her. Ich war zu schwach um mich zu wehren und eigentlich wollte ich es auch gar nicht. War ich nicht vor allem wegen Bella zurück nach Forks gekommen? Und wusste ich nicht am besten, dass man zwar weglaufen konnte, aber dass einen die Vergangenheit doch immer wieder einholte? Ich straffte meine Schultern. Sie würde mich hassen, ja vielleicht, aber ich konnte sie zumindest um Verzeihung bitten und ihr sagen, dass sie nichts falsch gemacht hatte, dass ich nicht wegen ihr damals so gemein gewesen war...

Aber du bereust es nicht. Nein, das tat ich nicht. Ich fühlte mich schuldig, hasste mich für meine Worte, aber ich bereute meine Entscheidung nicht, nein. Ich schüttelte energisch den Kopf und verbat meiner inneren Stimme jeden weiteren Kommentar. Jake drückte noch einmal beruhigend meine Hand und klopfte dann an die Haustür. Sie wurde sofort aufgerissen, man hatte uns offenbar erwartet. Und da stand sie. Größer als früher, mit längeren Haaren und etwas anderen Gesichtszügen, aber doch unverkennbar meine Bella. Ich hätte sie unter Tausenden erkannt. Sie starrte mich an, die Augen weit aufgerissen, die Nasenflügel aufgebläht. Die Unterlippe mit den Zähnen malträtierend und einen Arm nach mir ausstreckend machte sie einen Schritt nach vorne, zögerte und fuhr sich dann nervös durch die Haare. Mir schossen die Tränen in die Augen. Es war als würde man mir bei lebendigem Leibe das Herz herausreißen. Es tat weh. Ich bekam keine Luft.

„Murmel“, wisperte ich lautlos und keine zwei Sekunden später lag ich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rücken: Ich hatte nicht damit gerechnet gehabt, dass sie mich anspringen würde, war getaumelt und zu Boden gestürzt. Bella ließ mich allerdings auch jetzt nicht los, im Gegenteil: Sie schlang ihre Arme noch heftiger um meinen Nacken und ihre Beine begannen langsam aber sicher meine Hüfte zu zerquetschen. Ich sagte nichts. Selbst wenn ich gewollt hätte, ich wäre gar nicht fähig dazu gewesen. Und so lagen wir da, lange, sehr lange, weinten und schluchzten, immer darauf bedacht unseren Schnodder nicht in die Haare der anderen zu schmieren. Hey, wir waren eben Mädchen, was erwartete man?

Erst als wir ein leises Lachen hörten, ließen wir voneinander ab, setzten uns auf, wischten uns verstohlen über unsere Augen und ordneten unsere Haare. Ein erneutes Lachen ertönte. Es war Jake und er sah verdammt selbstzufrieden aus. Ich streckte ihm die Zunge raus, woraufhin er nur noch breiter grinste. „Wusste ichs doch. Gott, ihr Mädchen seid echt so was von melodramatisch! Jungs gehen vor die Tür, brechen sich ein, zwei Knochen und alles ist wieder gut, aber ihr Mädels macht alles gleich zu einer Staatsaffäre!“ „Halt die Klappe, Jake!“, brummte Bella und nahm mir damit die Worte aus dem Mund. Ich warf ihm einen bitterbösen Blick zu, aber dann wurde mir klar, dass er nur die Stimmung hatte auflockern wollen. Auch Bella lächelte jetzt, offenbar hatten wir mal wieder das Gleiche gedacht.

Ich seufzte schließlich und warf ihr einen zögerlichen Blick zu. „Bella, es tut mir so leid!“ Sie verzog das Gesicht. „Das weiß ich doch. Hör zu, wir vergessen es einfach, ja? Ist nicht so schlimm, wirklich!“ „Ich wollte dich nicht verletzen, ich wollte nur...“ Ja was eigentlich? Ich hatte sie von mir fernhalten wollen, aber sie hatte sich nicht abwimmeln lassen... Und dann hatte ich die Nerven verloren, die Panik und Hilflosigkeit hatten mich aggressiv gemacht und ich war übers Ziel hinausgeschossen. Ich schüttelte den Kopf, um die Gedanken wieder wegzuschieben. Ich quälte mich jetzt schon seit mehr als viereinhalb Jahren damit, es wurde Zeit, dass ich damit klar kam. Ich würde versuchen es wiedergutzumachen und mir dann hoffentlich irgendwann vergeben können. Vielleicht, wenn ich mir das Ergebnis vor Augen hielt? Wenn ich nicht daran dachte, was es mit ihr gemacht hatte sondern daran, was durch meine Entscheidung nicht passiert war?

„Ich...“ „Ich sagte, es ist okay!“ Ihre Stimme klang angespannt und endgültig. Sie hatte mir nicht verziehen, das war klar, aber sie wollte nicht darüber reden und das hatte ich zu akzeptieren. Außerdem, was sollte ich ihr auch sagen? Die Wahrheit? Wohl kaum. Ich nickte sanft, kam wieder auf die Beine und streckte Bella meine Hand hin. Sie ergriff sie. Ein Anfang. „Ich... ich werde für eine Weile hier bleiben“, sagte ich dann und zupfte nervös an meinem Ohrläppchen. „Bis eine Wohnung organisiert ist, komme ich bei Jake und Billy unter. Wenn... wenn es dich nicht stört würde ich auch gerne auf die Highschool gehen, ich wäre gerne wieder mehr unter Menschen, du weißt ja, Heimunterricht und so.“ „Wieso sollte ich etwas dagegen haben?“, fragte Bella mit gerunzelter Stirn. „Ich wäre dann bestimmt in deinen Kursen...“, antwortete ich und ließ den Rest lieber ungesagt. „Ich freu mich, wenn du da bist“, antwortete meine ehemals beste Freundin leise und es klang aufrichtig. Ich atmete erleichtert aus.

Bella allerdings runzelte die Stirn. „Was meinst du mit „eine Weile“? Ich dachte, du bleibst.“ Sie sah enttäuscht aus und ich spürte wie sie wieder eine imaginäre Mauer zwischen uns hochzog. „Ich halte es nicht lange an einem Ort aus“, begann ich vorsichtig. „Vielleicht ein paar Wochen oder Monate, vielleicht ein Jahr.“ Ich warf Jake und ihr einen sehnsüchtigen Blick zu. „Oder auch länger wenn wir Glück haben.“ Die beiden wirkten verwirrt. „Fernweh“, fügte ich grinsend hinzu. Sie wirkten nicht überzeugt, aber das wäre ich an ihrer Stelle auch nicht gewesen. Lügnerin.

„Oh Mann“, machte Bella in diesem Moment und kiekste aufgeregt. „Du musst unbedingt meinen Freund kennenlernen, du wirst ihn lieben! Aber nicht zu sehr, klar?“ Sie kicherte. „Und seine Familie ist der absolute Wahnsinn, Alice ist schon ganz aufgeregt, sie freut sich so dich zu treffen! Sie war gestern schon den ganzen Tag so hibbelig und hat Andeutungen ohne Ende gemacht, von wegen dass eine riesige Überraschung auf mich wartet, dass ich etwas wiederfinden werde, was ich vor langer Zeit verloren habe und dass sich jetzt alles ändern wird.“ Sie schüttelte lachend den Kopf. „Ich hätte sie beinahe gekillt, weil sie mir nicht sagen wollte worum es geht!“ Ich hob eine Augenbraue. „Woher wusste deine Freundin denn bitte dass ich komme?“ Ich warf Bella einen fragenden Blick zu, woraufhin sie etwas errötete. „Vielleicht hat Jake ihr was gesagt?!“ „Zieh mich da nicht mit rein“, knurrte dieser und ich zuckte zusammen. Das war nicht der ruhige und dauerliebe Jacob, den ich kannte. Er wirkte wirklich, wirklich aufgebracht. Wahrscheinlich ist er eifersüchtig, weil Bella nicht mehr so viel Zeit mit ihm verbringt. Ich nickte. Das machte Sinn. Jake hatte schon immer einen leichten Hang zur Anhänglichkeit gehabt.

„Vorahnung, weibliche Intuition?“, machte Bella in diesem Moment und ich stutzte kurz, zuckte dann aber mit den Schultern. „Du meinst so wie wenn man weiß, dass jemand einen beobachtet? Sicher, warum nicht.“ Wahrscheinlich hat Jake geplaudert und will es jetzt nicht zugeben, um Bella nicht zu verärgern. „Aber dass sich jetzt alles ändert? Mann, ich wusste doch, dass Gott eine Frau ist“, machte ich selbstgefällig. „Aber dass sie in mir steckt?“ Bella lachte, wirkte aber immer noch etwas neben der Spur und strich sich mehrmals fahrig durch die Haare. „Ach, Alice hat das bestimmt nur im übertragenen Sinne gemeint, du weißt schon, wie damals in diesem Film, in dem der Hauptdarsteller immer und immer wieder die gleiche Szene erlebt hat, nur dass sein Umfeld immer anders war und sich dadurch auch immer das Ergebnis geändert hat. Sie meinte bestimmt nur, dass die Menschen in deinem Leben dein Leben beeinflussen, ich meine, ist ja nicht so als könnte sie in die Zukunft sehen oder so.“ Sie lachte etwas zu laut und hektische, rote Flecken erschienen auf ihren Wangen. Hmm. Diese Alice schien außergewöhnlich zu sein, die würde ich mir mal genauer ansehen. Außergewöhnlich war gut. Außergewöhnliche Menschen fingen nicht an über mich zu tuscheln, wenn ich mich nicht der Norm entsprechend verhielt. Sie verurteilten mich nicht. Das machte es leichter.

Ich seufzte und strich mir erschöpft über die Augen. Es war ein langer Tag gewesen. Ein neues Handy besorgen, sämtliches Geld vom Konto abheben, in die Stadt fahren, in einem Gasthaus die Kleidung wechseln und die Frisur verändern, in die nächstbeste Bahn steigen, auf der Bahnhofstoilette das Aussehen verändern, in die nächste Bahn steigen... das Ganze hatte ich knapp eineinhalb Stunden wiederholt, erst dann hatte ich mich sicher gefühlt und mich auf den Weg nach Forks gemacht. Aber auch hier war ich nicht wirklich zur Ruhe gekommen, wenn ich mich nicht gerade auf der Toilette oder hinter einem Buch versteckt hatte, hatte ich mich beinahe im Minutentakt hektisch umgeschaut. Ich hasste diese Angst in mir, die mein Leben bestimmte. Es war stressig, es war kraftraubend. Manchmal fragte ich mich wirklich, ob ich nicht übertrieb. Aber es fühlte sich nicht so an und die Wahrheit war, dass ich mich ohne diese Vorsichtsmaßnahmen nicht mehr sicher fühlen konnte. Es war nötig immer wieder meine Frisur, meine Haarfarbe zu ändern, den Klamottenstil... Und in meiner Wohnung war es unverzichtbar gewesen abends die Kommode vor meine Haustür zu schieben, die Fenster und die verschiedenen Türschlösser mehrmals zu kontrollieren. Aber selbst dann war ich in der Vergangenheit oft nicht zur Ruhe gekommen, Schlaftabletten, Antidepressiva und Anxiolytika gehörten mittlerweile zu meinem Alltag. Ich hatte es mit einer Therapie versucht, aber durch meine vielen Umzüge hatten meine Versuche kaum gefruchtet, oft war ich schon innerhalb der teilweise monatelangen Wartezeit erneut umgezogen. Aber es war in Ordnung. Die Medikamente machten die Angst erträglich und ließen mich meinen Alltag regeln und nach außen hin halbwegs normal und stabil wirken. Das reichte mir, ich hatte auch schon andere Zeiten erlebt.

„Alles in Ordnung?“, fragte Jake mit besorgt gerunzelter Stirn und ich lächelte abwinkend. „Ja, alles okay, ich bin nur etwas müde. War ein langer Tag.“ „Oh“, machte Bella und hob einen Mundwinkel an. „Na klar. Dann leg dich am besten gleich hin.“ Ich nickte und machte einen Schritt auf Jake zu, woraufhin sie die Nasenlöcher aufblähte, etwas was ich noch von früher von ihr kannte. „Was?“ „Nichts“, murmelte sie. „Ich... ich dachte nur, dass du vielleicht hier bleiben würdest. Charlie ist einverstanden und du könntest auf der Couch schlafen. Ich weiß, es gibt sicher bequemere Alternativen, aber wir haben uns doch so lange nicht gesehen und ich dachte... Aber wenn du nicht willst versteh ich das“, murmelte sie schnell und setzte einen betont neutralen Gesichtsausdruck auf. Sie war eine grauenhafte Lügnerin.

„Oh“, machte ich nun auch. „Ich würde schon... wenn es euch nichts ausmacht. Ich meine... wow. Vor zwei Stunden noch dachte ich, dass du mich nie wieder sehen willst, dass du nie wieder ein Wort mit mir wechseln würdest... und jetzt willst du, dass ich bei dir wohne, dass wir zusammen sind- so wie früher.“ Jake musste meinen verzückten Gesichtsausdruck gesehen haben und nickte auch, wirkte dabei aber nicht wirklich glücklich. „Jake...“ „Nein, nein“, winkte er ab und lächelte Bella an. „Ich finds gut, dass ihr euch wieder versteht, ich bin nur ein bisschen eifersüchtig, das legt sich wieder, also kein Grund zur Sorge.“ Er hat alles für euch getan, hat sich um euch gekümmert wenn es euch schlecht ging, hat sich für euch den Arsch aufgerissen und jetzt lasst ihr ihn bei der ersten Gelegenheit fallen. Er fühlt sich austauschbar, weggeschmissen, wie Dreck...

Ich schluckte und auch Bella neben mir senkte den Kopf. Sie sah mir nicht nur äußerlich sehr ähnlich, auch vom Charakter und der Denkweise glichen wir uns so sehr, dass es manchmal wirklich gruselig war. Wir waren wie Zwillinge, es war beruhigend zu wissen, dass sich daran nichts geändert hatte, auch wenn wir uns jahrelang nicht gesehen hatten. „Ich machs wieder gut, Jake“, sagte ich leise und meine ehemalige (ich hoffte das Wort bald streichen zu können) Freundin nickte energisch. Er schien erst irritiert zu sein, wusste dann aber offenbar was ich meinte und verdrehte die Augen. „Dass ihr Weiber auch immer so schnulzig sein müsst!“ Wir streckten ihm gleichzeitig die Zungen raus. „Wenn ich dir nicht so dankbar wäre, würde ich dich jetzt übers Knie legen“, antwortete ich trocken, was er aus irgendeinem Grund wahnsinnig witzig zu finden schien. „Was?“, fauchte ich und er grinste breit und entblößte dabei eine Reihe weißer, perfekter Zähne. „Das will ich sehen. Du bist einen gefühlten Meter groß, denkst du ernsthaft, dass du auch nur die geringste Chance hättest?“ „Legs nicht darauf an“, schnaufte ich gespielt beleidigt. „Erinnerst du dich an den kleinen Terrier, den du als Kind am Schwanz gezogen hattest?“ Bella kicherte. „Eine Stunde lang hat er dich gejagt und selbst als er schon längst weg war, hast du dich nicht vom Baum runter getraut!“ Jacob wirkte ehrlich empört. „Der wollte ein Stück aus mir rausbeißen!“ „Wer kanns ihm verübeln“, hauchte ich, fächelte mir Luft zu und drückte eine seiner riesigen Hände an meine Wange. „Ja, du bist ja auch purer Zucker“, fügte Bella hinzu und deutete eine Verbeugung an. „Mann“, machte Jake. „Ich hatte vergessen wie verdammt ätzend ihr zusammen seid.“

Wir grinsten und klatschten uns ab. „Dreamteam!“ „Aber hallo! Für immer und ewig!“ Mit einem Schlag wurden wir wieder still. Dies war keine schöne Erinnerung. Jake schien instinktiv zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war, strich sich unsicher durch das schwarze Haar und bewegte die Schultern. „Okay, wie wärs wenn ich euch jetzt in Ruhe lasse, damit ihr noch ein wenig reden könnt und dann komm ich morgen vorbei und wir unternehmen was zusammen?“ Ich nickte, aber Bella verzog den Mund. „Ähm... eigentlich hatte ich Alice versprochen...“ Jake starrte sie nur an und Bella hob abwehrend die Hände. „Ja was hätte ich denn sagen sollen? Sie wusste, dass Sarah kommt... und sie wusste, dass sie mein Angebot annehmen würde... sie war so aufgeregt, was sollte ich denn sagen? „Tut mir Leid Alice, Jake wird nicht wollen, dass sie euch kennenlernt, er wird es verbieten!“? Und zum Teufel, hast du mal versucht dem Mädchen etwas auszureden? Mann Jake, jetzt sei doch nicht so!“ „Ich habe keinen Ton gesagt“, knurrte Jacob und ich konnte seine Zähne knirschen hören. „Du weißt, dass ich mich schuldig fühle, wenn du so guckst!“ Er schnaubte und schien sich gerade noch so eine bissige Antwort verkneifen zu können. „Jake, ich bin dir wirklich dankbar, dass du die ganzen Monate für mich da warst, aber...“ „Das hat nichts damit zu tun, gar nichts“, fauchte Jake, ballte seine Hände zu Fäusten und öffnete sie betont beherrscht wieder. „Aber du wirst sie da nicht mit reinziehen! Schlimm genug, dass du mit diesen Bl...“ Er sah mich an, seufzte und ließ seine Knöchel knacken. „Das ist nicht richtig.“

Bella schien den Tränen nahe zu sein und auch wenn ich keine Ahnung hatte worum es hier ging, fragte ich nicht nach, sondern verhielt mich ruhig. Offenbar war diese Diskussion längst überfällig gewesen. „Sie sind nicht gefäh... sie sind nicht bösartig, sie wollen niemandem etwas Böses! Das sind gute M... sie sind gut, Jake, wirklich. Ich weiß, du willst das nicht sehen, kannst es vielleicht auch nicht, das liegt in deiner Natur, aber nur weil du denkst, dass du die Wahrheit kennst, heißt das nicht, dass es meine Wahrheit ist... oder Edwards... oder Sarahs. Du kannst nicht wissen was gut für sie ist... oder für mich. Ich habe meine Wahl getroffen, Jake, das musst du akzeptieren.“ „Sie sollte zumindest wissen, worauf sie sich einlässt!“, fauchte Jacob und ich rieb mir unruhig über das Handgelenk. Keine Ahnung worum es hier ging, aber irgendwie war ich auf einmal nicht mehr so scharf darauf diese Alice kennenzulernen. Andererseits... hatte ich wirklich das Recht sie abzulehnen nur weil ein so normaler Mensch wie mein bester Freund sie für ungeeignet hielt? War ich als Freundin nicht auch ungeeignet und wünschte ich mir nicht trotzdem, dass man unvoreingenommen an mich herantrat? Ich schüttelte von mir selbst angewidert den Kopf. Wie konnte ich Toleranz einfordern, wenn ich selbst kein Stück besser war als die Leute, die ich verurteilte?

Meine Fingernägel krallten sich in meinen Unterarm und ich biss die Zähne so fest aufeinander, dass es wehtat. Dass ich selbst einer dieser oberflächlichen Menschen sein sollte war schwer auszuhalten. Ich hatte mich für besser gehalten... besser als das, besser als die Mädchen, die hinter vorgehaltener Hand über mich gelästert hatten, weil ich mitten in einer vollbesetzten Bahn eine Panikattacke bekommen hatte. Oder als die Männer, die die weniger hübschen Mädchen terrorisierten und herumschubsten. Besser als die Menschen, die sich nur durch Gerüchte ein Bild machten, die ihre Mitmenschen verurteilten, weil irgendetwas an ihnen nicht so war wie man es gewöhnt war. Das war widerlich. So jemand wollte ich nicht sein. Ich musste diese Familie kennenlernen, jetzt ging es gar nicht mehr anders. Du kannst dich nicht zwingen sie zu mögen, nur um dir selbst zu beweisen, dass du keine Vorurteile hast!

Ich stöhnte und rieb mir über die Stirn. Wer hätte gedacht, dass dieser Tag noch anstrengender werden würde? Jake und Bella hielten mitten in ihrem Streit inne und sahen mich besorgt an. Ich winkte nur ab. „Es ist nichts... Nur Jake, ich muss das morgen einfach tun! Ansonsten kann ich mich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen... Aber wenn du magst, könnte ich später bei dir und Billy vorbeikommen und wir sehen uns zusammen einen Film an und reden ein bisschen, wir haben schließlich auch eine Menge aufzuholen.“ Und auch wenn ich das Gefühl hatte, dass der morgige Zeitplan gar nicht der Grund dieser Auseinandersetzung gewesen war, so schienen sich die Gemüter jetzt doch in Sekundenschnelle abzukühlen und Jake und Bella wirkten um einiges ruhiger, wenn auch längst nicht glücklich. „Na klar“, sagte Jacob sanft, strich mir über die Wange und drückte mich kurz an sich. Die andere Hand streckte er nach Bella aus. Sie ergriff sie nach kurzem Zögern und lehnte ihren Kopf an seine Brust. „Tschuldige, Jake!“ „Mhh“, machte er nur.

So standen wir ein, zwei Minuten lang, bis Charlie auf einmal die Tür aufstieß, einen großen Eimer mit stinkenden Fischen in der linken Hand. Sein Gesicht strahlte, er wirkte aufgeregt wie ein kleines Kind am Tag vor Weihnachten. „Du bist wieder da“, sagte er und sah mich mit einem merkwürdig zärtlichen Gesichtsausdruck an. „Ja. Und danke dass ich bleiben darf“, antwortete ich und winkte unsicher mit der Hand. „Entschuldige, dass ich dich nicht drücke, aber du stinkst... nach Fisch.“ Gute Ausrede. „Oh.“ Mehr fiel ihm nicht ein. „Isst du mit, Jake?“ Er schüttelte den Kopf und öffnete den Mund, aber Bella unterbrach ihn. „Sarah ist ziemlich müde, ich glaube sie würde sich ganz gerne hinlegen.“ „Ähm“, murmelte ich. „Eigentlich heiße ich jetzt Hope.“ „Oh“, machte Charlie und runzelte irritiert die Stirn. „Was ist mit Sarah passiert?“ Mein Kiefer spannte sich an und ich straffte meine Schultern. „Sarah ist tot.“


Zuletzt von LittleAngel am So Mai 01, 2011 10:46 am bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von Ripper am Sa Okt 16, 2010 7:18 pm

Also ich mag Twilight nicht wirklich gerne und auch so Schnulzen-Drama-Zeugs ist nicht mein Ding.

ABER bei dir kommt das so emotional, ehrlich und authentisch rüber. Diese Gefühlsschiene, die bei vielen einfach nur platt und erzwungen wirkt kommt bei dir sehr echt und real rüber.

Außerdem hast du einen guten Schreibstil und deine FF kist bisher ganz gut, flüssig zu lesen.

Ich bin gespannt wie es weiter geht ;-)
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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von Aiyana am Sa Okt 16, 2010 10:46 pm

Gern geschehen, Süße. Knuff
Und ich hab auch schon fleißig das erste Kapitel gelesen! Very Happy

Ich finde es erschreckend, wie viel ich von mir selbst bereits jetzt wiedererkenne, wenn das alles auch nicht direkt so auf mich zutrifft.
Hopes Ängste, die Sicherheitsvorkehrungen, ohne die ihre Angst unerträglich werden würde und die ihr ermöglichen, zumindest teilweise Kontrolle zu haben, Herr der Lage zu sein und Luft zum Atmen zu haben - das alles hast du sehr nachvollziehbar und für jemanden, der weiß, wie das ist, real beschrieben. Doch auch die Tatsache, dass Hope sich nach außen hin verstellt, niemanden wirklich an sich ran lässt, gute Miene zu dem bösen Spiel macht, welches in ihrem Inneren an ihr nagt, hat mich sehr berührt - und ich kann sie sogar verstehen.

Was mich zum Nachdenken bringt und auch gleichzeitig traurig macht, ist, dass sie jetzt Hope heißt und Sarah tot ist. Das bedeutet, dass sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen wollte/will, doch gelungen ist es ihr noch nicht. Ihre Dämonen kämpfen sich nach wie vor in ihr hoch, nagen an ihr und sorgen dafür, dass sie nicht loslassen kann. Im selben Atemzug sieht man aber, dass Hope eine Kämpferin ist, die sich weigert, ihnen die Oberhand zu gewähren und das gefällt mir sehr!

Ach ja und Jake hat mich amüsiert - besonders der Spruch mit der Staatsafaire! Wenn es nach mir ginge hätte Hope ruhig bei ihm bleiben können ... das wäre sicher lustig geworden. *g*
Doch auf die Begegnung zwischen Alice und Hope bin ich ebenso gespannt ... immerhin ist es Alice! Very Happy


_________________


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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von LittleAngel am So Okt 17, 2010 8:14 am

Ich. Liebe. Dieses. Forum. Ehrlich, ich hatte schon ganz vergessen, dass es noch Leute gibt, die nicht nur "Toll, mach weiter" schreiben Herzchen2

Ripper, ich versteh dich^^ Ich persönlich fand ja, dass es ab Band eins mit Twilight bergab ging und gerade Band vier fand ich so grottig, dass ich irgendwann einfach aufgehört habe zu lesen. Ich finde aber, dass die Charaktere viel Potential haben und da ich Plot und Zusammenhänge eh immer verändere (warum über etwas schreiben, das es so schon gibt?), finde ich persönlich Twilight echt interessant... Und mein Thema passt in die Welt auch ziemlich gut herein, finde ich Very Happy Dass du die FF authentisch nennst, ist so ziemlich das beste Kompliment überhaupt, denn das ist mir am allerallerwichtigsten. Ich hasse Leute, die keine Ahnung haben worüber sie schreiben, das wirkt immer so furchtbar aufgesetzt. Also vielen Dank Very Happy

Aiyana Ich liebe dein Review^^ Ich bin froh, dass es real und authentisch rüberkommt, wie ich schon sagte, das ist für mich das wichtigste überhaupt, bei dieser FF sowieso. Meine Geschichten sind jedes Mal ein Mix aus eigenen Erfahrungen, Ängsten und Gefühlen, Erlebnissen mit Freunden, Angelesenem und etwas Fiktion... Authentizität ist für mich das A und O.
Doch auch die Tatsache, dass Hope sich nach außen hin verstellt, niemanden wirklich an sich ran lässt, gute Miene zu dem bösen Spiel macht, welches in ihrem Inneren an ihr nagt, hat mich sehr berührt - und ich kann sie sogar verstehen.

Was mich zum Nachdenken bringt und auch gleichzeitig traurig macht, ist, dass sie jetzt Hope heißt und Sarah tot ist. Das bedeutet, dass sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen wollte/will, doch gelungen ist es ihr noch nicht. Ihre Dämonen kämpfen sich nach wie vor in ihr hoch, nagen an ihr und sorgen dafür, dass sie nicht loslassen kann. Im selben Atemzug sieht man aber, dass Hope eine Kämpferin ist, die sich weigert, ihnen die Oberhand zu gewähren und das gefällt mir sehr!

JA! Mann, du bist echt gut... Raus aus meinem Kopf^^ Nein, im Ernst, GENAU das wollte ich bewirken, genau das hab ich mir beim Schreiben gedacht. Mann... du bist echt gut Very Happy

Jaaah, ich liebe Jake! Gerade bei ihm (bei Bella aber auch, obwohl sie sich schwerer tut) merkt man während der Geschichte eine starke Veränderung. Anfangs ist er sehr naiv, Hope ist für ihn eine Art Göttin, sie ist in seinen Augen perfekt, stark, aber er merkt dann doch recht schnell, dass sie alles andere als unberührbar ist und reagiert entsprechend darauf. Das ist meginteressant, musst du mal drauf achten Wink Ansonsten... jaaah, Alice^^ Sie ist super^^ Allerdings kommen bei mir fast alle Cullens öfter als im Buch vor und sie werden auch von anderen Seiten beleuchtet, das merkt man bei mir vor allem bei Emmet, Jasper und Rosalie... ich liebe unbeachtete Charaktere, sie haben so viel Potential Smile Ich bin gespannt, was du zu dem nächsten Kapitel sagst, denn da geht es das erste Mal wirklich zur Sache, man bekommt den ersten Eindruck von Hopes Problemen, wenn auch durch Bellas Augen und dadurch um einiges weniger intensiv Smile



Kapitel zwei


Bellas POV:

Ich hasste Vampire. Ohne Scheiß, sie waren ätzend, stur, davon überzeugt dass sie durch ihre Lebenserfahrung besser als ich wussten was richtig war und verdammt selbstgerecht! Ich schnaufte und verschränkte entnervt die Arme vor der Brust. Ich hätte es mir denken können, hätte damit rechnen müssen, dass sie nicht gerade begeistert davon sein würden noch eine Sterbliche in ihrer Nähe zu haben. Aber verdammt noch mal, Alice und ich hatten sie nicht gebeten eine riesige Blutorgie vor Sarah zu veranstalten, sie sollten sie einfach nur kennenlernen! Ich stampfte wütend und trotzig mit dem Fuß auf. Ich hasste Vampire!

Edward besaß wenigstens den Anstand etwas verlegen auszusehen, nachdem selbst er mir gerade das Messer in den Rücken gerammt hatte. Er war mein Freund, er hatte gefälligst meiner Meinung zu sein! Aber nein, natürlich nahm mal wieder sein Beschützerinstinkt überhand und anstatt mich zu unterstützen, stimmte er gegen mich, weil er besorgt war, dass Sarah das supertolle Geheimnis herausfinden und seine Familie verraten würde. Es war lächerlich, Sarah würde so etwas niemals tun, niemals! Sie war der fürsorglichste und beschützendste Mensch den ich kannte! Schon als wir noch ganz klein waren, hatte sie oft die Schuld für mich auf sich genommen, hatte sich schützend vor mich gestellt, obwohl sie schon damals kleiner und leichter als ich gewesen war. Niemals würde sie einem anderen Wesen schaden, weder Mensch noch Tier- oder in diesem Fall eben Vampir. Ich grinste, wurde aber schnell wieder ernst. Sie alle kannten Sarah nicht, also war ihre Besorgnis nachvollziehbar, so ungern ich das auch zugab. Sie war eine fremde Person, nicht einschätzbar und damit ein Risiko. Ein Risiko, das das Ende der Cullens bedeuten konnte.

Tut mir Leid, Bella“, sagte Jasper in diesem Moment und ich widerstand der Versuchung mein Schimpfwörterrepertoire noch weiter aufzubessern. „Ich sehe es wie die anderen, es ist zu gefährlich. Außerdem hab ich schon mit den Gefühlen eines Menschen genug zu tun, ich bin nicht scharf darauf auf einmal die doppelte Anzahl an Hormonen zu spüren!“ Alice blitzte ihn bitterböse an und ich war mir ziemlich sicher, dass Jasper sich später noch ordentlich was von ihr anhören können würde. Ich schüttelte den Kopf und versuchte mich zu konzentrieren. Nur Carlisles Stimme war noch offen, Esme hatte sich enthalten und Alice war auf meiner Seite... vielleicht, wenn ich zumindest Edward noch überzeugte... und wenn Carlisle sein Okay gab...

Weißt du, Edward“, sagte ich leise und zupfte nervös an meinen Haarspitzen. „Sie ist ein sehr wichtiger Teil meiner Vergangenheit und ich hätte so gerne wieder Kontakt zu ihr... es kann doch nicht sein, dass ich alles andere aufgeben muss, nur weil ich mit dir zusammen bin!“ Das hatte gesessen und ich konnte sehen, dass er zu schwanken begann. Gott, wie ich es hasste ihn zu manipulieren... Aber das hier war ein Notfall und vermutlich würde er mich sowieso gleich durchschauen. „Und es wäre auch wesentlich leichter für mich...du weißt schon… menschlich zu bleiben, wenn ich nicht nur von Vampiren umgeben wäre, wenn ich auch jemanden für ganz normale Teenagerprobleme hätte“, fügte ich hinzu und schloss die Augen. Es war zu offensichtlich, natürlich würde er meinen kläglichen Versuch durchschauen.

Er tat es nicht, machte stattdessen eine vage Geste mit der Hand, die ich jetzt einfach mal als Zustimmung wertete. Einer geschafft... „Und naja... wenn sie nicht mit mir zusammen ist, wird der Kontakt zwischen ihr und Jake sicherlich noch enger... Ich könnte mir gut vorstellen, dass das Rudel was das betrifft um einiges toleranter ist“, fügte ich hinzu und hielt den Atem an. Zu offensichtlich, zu offensichtlich, zu offen... „Ich bin dabei“, machte Emmet plötzlich und seine Augen blitzten angriffslustig. Mann, Männer waren wirklich verdammt leicht zu manipulieren. Ein Blick in die Runde sagte mir allerdings, dass die anderen mich sehr wohl durchschaut hatten. Carlisle und Esme schmunzelten, Alice feixte und selbst Jasper schien sich köstlich zu amüsieren. Einzig und allein Rosalie wirkte deutlich angepisst. Sollte sie dran ersticken, ich war es Leid zu versuchen mich mit ihr gutzustellen. Für heute zumindest, wie ich mich kannte würde ich es morgen erneut probieren, ich wollte einfach nicht akzeptieren, dass man mich ohne einen wirklichen Grund nicht zu mögen schien. Das kratzte an meinem eh schon spärlich vorhandenen Selbstwertgefühl. Obwohl... allein das Wissen, dass Sarah zurückkommen würde hatte mich schon stärker gemacht. Seit diesem Telefonat hatten mich Selbstzweifel geplagt, ich hatte immer und immer wieder die verschiedensten Situationen durchgespielt, hatte mich gefragt was mit mir nicht stimmte, dass meine beste Freundin nichts mehr mit mir zu tun haben wollte... Und wenn sie es nicht wollte, warum sollte es dann jemand anders wollen? Dieser Gedanke hatte mich die letzten Jahre fast täglich begleitet.

Ich schüttelte energisch den Kopf. Nicht dran denken, nicht jetzt. Jetzt galt es so viele Kontakte wie möglich für Sarah in die Wege zu leiten und sie hier zu halten, am besten für immer. „Carlisle?“, fragte ich zögernd, bittend. Augenblicklich drehten sich sämtliche Köpfe in seine Richtung. Er war das Familienoberhaupt, seine Stimme hatte am meisten Gewicht und im Zweifelsfall würden sich alle ohne Murren nach ihm richten, das wusste ich. Er sah mich an, nachdenklich, durchdringend und warf dann Alice einen kurzen, fragenden Blick zu. „Hast du gesehen, ob sie es herausfinden wird?“ Alice schüttelte den Kopf. „Aber ich hab gesehen, dass es wunderbar werden wird! Ich habe sie gesehen, als sie versucht hat Emmet in den Schwitzkasten zu nehmen, ich habe sie mit Rosalie reden gesehen, ich habe gesehen wie sie Bella getröstet hat, ich hab sie mit mir shoppen gehen gesehen...“ Sie kicherte verzückt, wurde aber schnell wieder ernst und schob den Gedanken an eine lebende Barbiepuppe beiseite. „Ich habe gefühlt, dass sie irgendwie wichtig für diese Familie sein wird, vor allem für Bella. Ich habe sie mit Edward über die Wölfe reden gehört- ganz normal, als würden sie irgendwie zu unserem Leben dazugehören. Stellt euch das nur mal vor, so ganz ohne Feindschaft, vielleicht sogar eine Allianz... Sie könnte das bewirken, ihr habt doch Bella gehört, sie hat eine besondere Beziehung zu d … Jacob und seinem Vater.“ Sie versuchte ihr Gesicht möglichst neutral zu halten, aber ich bemerkte das kurze Zucken ihrer Mundwinkel trotzdem. Vermutlich hatte sie eine andere Bezeichnung im Sinn gehabt.

Und sie braucht uns auch. Ich habe sie schreien gehört, dass kein Mensch ihr helfen kann, dass sie verdammt ist... und ich hab sie Tabletten schlucken gesehen“, sagte Alice leise und mein Kopf zuckte herum. „Sie würde niemals...“ Edward drückte meine Hand. „Alice sieht nicht nur die Zukunft, die auf schon getroffene Entscheidungen gebaut ist, das weißt du doch... Sie hat gesehen, dass ihr euch gut verstehen werdet, sie hat dich als Vampir gesehen... Es ist nur eine Variante von vielen, es ist etwas was passieren kann, nicht muss.“ Aber trotzdem... der Gedanke sie diesmal endgültig zu verlieren war unerträglich und schnürte mir die Luft ab. Ich hatte Sarah jahrelang nicht gesehen, ab morgen würde sie wieder in meinem Leben sein... ich konnte sie nicht noch einmal verlieren. Das würde ich zu verhindern wissen.

Also ist es beschlossen“, sagte Carlisle in diesem Moment. „Wir laden sie zu uns ein und lernen sie kennen, versuchen sie einzuschätzen. Vielleicht finden wir etwas in ihren Gedanken oder Gefühlen oder in ihrem Verhalten, ihrer Zukunft, das uns abschätzen lässt ob sie eine Gefahr darstellt. Alles andere entscheiden wir später.“

Ich lächelte sanft, betätigte den Blinker und warf Sarah... Hope einen kurzen, prüfenden Blick zu. Sie schlief immer noch tief und fest. Ich nahm es ihr nicht übel, sie hatte heute Nacht ein paar ziemlich schlimme Albträume gehabt und erst als sie zu mir ins Bett gekrabbelt war, war sie etwas zur Ruhe gekommen. Seit seiner Rückkehr war es die erste Nacht ohne Edward gewesen und ich hatte mich erstaunlich gut gefühlt. Unglaublicherweise war es zwischen Sarah und mir noch genauso wie früher und sogar noch besser als ich es mir erträumt hatte. Wir harmonierten perfekt, schienen fast immer zu wissen was der andere gerade dachte und konnten absolut unbeschwert miteinander umgehen. All meine Ängste waren unbegründet gewesen. Sarah hasste mich nicht, im Gegenteil, sie schien mich auch sehr vermisst zu haben. Wir versuchten das Thema Vergangenheit unberührt zu lassen und waren beide noch sehr vorsichtig im Umgang miteinander, immer bemüht das Richtige zu sagen, aber sobald wir nicht nachdachten war alles wie früher und wir waren wie eineiige Zwillinge, wie Seelenverwandte. Sie hatte mir so gefehlt.

„Sarah“, wisperte ich leise und zog die Handbremse an. „Wir sind da!“ Sie reagierte nicht. „Sarah!“, machte ich um einiges lauter und rüttelte sie heftig an der Schulter, was ich sogleich bereute. Mit einem markerschütternden Schrei schoss sie hoch, schlug um sich und hätte mich beinahe am Ohr erwischt. „Sarah!“ Sie hielt inne und starrte mich erst verschreckt, dann fast schon wütend an. „Es ist Hope, Hope, Bella!“ „Richtig“, murmelte ich und hob entschuldigend die Schultern. „Sorry, daran muss ich mich erst gewöhnen.“ „Ja... ja, tut mir auch Leid, du hast mich nur erschreckt“, antwortete sie leise, straffte dann ihre Schultern und setzte ein strahlendes Lächeln auf. „So. Hier wohnt also dein Freund, ja? Nett, wirklich!“ Jap, das Haus der Cullens war beeindruckend und das war eigentlich sogar noch untertrieben, es war atemberaubend! „Warte bis du es von innen siehst“, grinste ich dankbar über den Themenwechsel. „Wie wärs, gehen wir rein?“ Sa... Hope nickte und lächelte erneut, aber ich sah, dass es ein falsches Lächeln war. Ich kannte sie zu gut um auf ihre Fassade hereinzufallen. Sie war nervös, unruhig, wirkte fast etwas ängstlich, was ich wiederum nicht ganz nachvollziehen konnte. Klar, neue Menschen kennenzulernen war ätzend und nervenaufreibend, aber Angst? Das machte keinen Sinn... Sarah hatte nie Angst gehabt, sie war doch immer so mutig gewesen...

Ich seufzte, stieg aus dem Truck aus und schlug die Tür zu. Sarah folgte mir. Mit schnellen Schritten eilte ich auf die Haustür zu, wo Alice schon auf uns wartete. Ich konnte ihre Ungeduld beinahe körperlich spüren und um ehrlich zu sein konnte ich es auch kaum erwarten. Ich war so gespannt was Sarah über Edward denken würde... Ich hoffte sehr, dass die beiden sich verstehen würden, alles andere wäre eine Katastrophe. „Sie sind da“, brüllte Alice, quietschte und sprang wie ein Flummi auf und ab. Das letzte Mal hatte ich sie an meinem achtzehnten Geburtstag so aufgedreht erlebt. Oh Mann, hoffentlich hatte sie keine Begrüßungsparty oder so etwas in der Art organisiert, zuzutrauen wäre es ihr zumindest...

Sie hatte es nicht, schien aber das Wohnzimmer umdekoriert zu haben und auch den Jungs einen neuen... Anstrich verpasst zu haben. Jasper trug ein für ihn absolut untypisches, rotes T-Shirt, Edward zupfte unglücklich an seiner Anzugjacke herum und Emmet... Emmet schoss mit seiner Fliege vollkommen den Vogel ab und schien geradewegs aus einer Altkleidersammlung entsprungen zu sein. Ich hätte mich vor lauter Lachen beinahe nass gemacht, was Alice aus irgendeinem Grund mehr zu kränken schien als Emmet. „Du wirst schon sehen, Fliegen sind nächste Saison wieder ganz groß im Kommen.“ „Wenn die Dinger kommen, gehe ich aber!“, knurrte Emmet missmutig und rupfte sich das hässliche Teil vom Hals. Dann strahlte er Sarah an, machte zwei schnelle Schritte auf sie zu und riss sie mit einer dramatischen Geste an seine Brust. Ich zuckte zusammen, wusste ich doch wie fest sein Griff sein konnte. Autsch. „Ich bin Emmet, da am Klavier sitzt meine... meine Freundin Rosalie, nicht wundern, sie ist am Anfang etwas schüchtern.“ Ein fünffaches Schnauben ertönte. Rosalie und schüchtern, alles klar... und ich würde später mal Tabledancerin in einem Kloster werden, natürlich!

Emmet ignorierte uns. „Der Sauertopf in rot dahinten ist Jasper, wenn du Spaß haben willst hältst du dich besser an mich.“ Er klopfte sich gegen die breite Brust und grinste. So viel zum Thema Emmet. Einer geschafft, bleiben noch fünf... „Alice kennst du ja wahrscheinlich schon, ein kleiner Tipp von mir: Tu einfach was sie will, glaub mir, das macht es einfacher, sie kriegt ihren Willen sowieso immer. Ach ja, der Typ der Bella mit den Augen auszieht- ja, genau der, der mich jetzt gerade mit seinen Blicken zu erdolchen versucht- das ist Edward. Schätze den wirst du wohl oder übel ab jetzt öfter sehen. Oh und das sind Carlisle und Esme, unsere Adoptiveltern.“ Er wies mit der Hand zur Tür.

Sarah lächelte und begrüßte alle, wirkte aber etwas abwesend. Erst später fiel mir auf, dass sie Emmet die ganze Zeit kaum eine Minute aus den Augen gelassen hatte. Und ja, Rosalie war diese Tatsache natürlich auch nicht verborgen geblieben. Oh Mann, das konnte ja noch lustig werden... Nun ja, eine halbe Stunde später jedenfalls saßen wir auf der Couch und futterten ein paar Snacks. Gut, eigentlich aß nur ich, die anderen erzählten etwas von einer riesigen Pizza und Sarah schien ihre Fingernägel vorzuziehen. „Also, Sarah“, sagte Carlisle in diesem Moment und sie zuckte zusammen. „Bella meinte, du hättest eine Weile in L.A. gelebt?“ Sarah verzog das Gesicht. „Eigentlich heiße ich jetzt Hope... ich war Sarah irgendwie leid. Aber ja, ich habe die letzten Monate in L.A. verbracht, die Monate davor in New York und ein paar Wochen war ich sogar in Alaska.“ Sie lachte. „Aber die letzten Jahre hat es mich meistens doch eher in die wärmeren Gegenden verschlagen.“

Esme lächelte sie sanft an. „Wie kommt es, dass du so oft umgezogen bist? Reist deine Familie beruflich viel?“ Sarah zuckte zusammen und ich rutschte automatisch ein Stück zu ihr herüber. Fettnäpfchen. Du hättest sie vorwarnen sollen. Tja, dafür war es jetzt definitiv zu spät. Sarah kratzte nervös an ihrem Unterarm herum. „Ähm nein, ich lebe alleine.“ „Was?“, platzte Emmet heraus und ich hätte am liebsten ein Kissen nach ihm geschmissen. „Wie alt bist du, vierzehn, fünfzehn?“ „Sie ist siebzehn“, zischte ich scharf und warf ihm einen warnenden Blick zu, was ihn aber nicht zu interessieren schien, denn er öffnete erneut den Mund, schloss ihn dann aber sofort wieder. Rosalie hatte ihn unsanft am Arm gepackt und das erste Mal in meinem Leben war ich ihr wirklich dankbar. Rosalie Hale war kein besonders netter oder sensibler M... Vampir, aber sie hatte großen Einfluss auf Emmet und offenbar hatte sie gemerkt, dass dieses Thema nicht das beste war. Ich zuckte mit den Schultern. Wahrscheinlich war sie nur eifersüchtig, weil Emmet sich mit Sarah beschäftigte. Ja, das war vermutlich alles.

„Wo ist denn deine Familie, Liebes?“, frage Esme und Sarah verkrampfte sich- wenn überhaupt möglich- noch mehr. „Mein Vater hat uns verlassen als ich noch relativ klein war, meine Mom hat mich und meinen Bruder allein großgezogen. Gut, wir hatten mehrere Stiefväter, aber die waren alles andere als hilfreich.“ Sarah schnaubte und ich verzog das Gesicht. Jap, ich erinnerte mich an die betrunkenen, schreienden Kerle. „Der letzte wollte mich adoptieren, aber er wollte meinen Bruder nicht, die beiden verstanden sich nicht besonders. Meine Mom hatte aber in ihrem Testament festgehalten, dass Ben und ich unbedingt zusammenbleiben sollten und auch Billy und Charlie wollten nicht, dass er mich adoptiert, nahmen sich Anwälte und beantragten die Pflegschaft für mich. Sie hatten kaum eine Chance und mein Stiefvater bekam das Aufenthaltsbestimmungsrecht, das Adoptionsverfahren wurde auf Eis gelegt bis ich älter war, weil ich zu der Zeit...“ Sie wurde rot. „Ich kam mit dem Stress nicht so gut zurecht, alle zerrten sie an mir und mein Stiefvater drohte Ben anzuzeigen, weil er mit einem Baseballschläger auf ihn losgegangen war, nachdem er... ähm... Ich war auf eine Herdplatte gefallen und Ben dachte, dass mein Stiefvater mich misshandelt hätte...“

Sie zeigte auf ihren linken Unterarm, dessen Haut am Handgelenk rötlich und runzelig war. „Er war mitten in der Pubertät und verlor ein paar Mal die Beherrschung, rastete komplett aus... Er wollte mich nicht in der Nähe meines Stiefvaters haben und der wollte mich nicht in der Nähe meines Bruders haben... Aber na ja, mein Stiefvater saß nun mal am längeren Hebel... Ich durfte Ben nicht mehr sehen, Bella war schon weggezogen, Charlie hing ziemlich durch... Ich lief ein paar Mal von Zuhause weg, lief zu Jake, versteckte mich im Wald oder versuchte mit dem Fahrrad zu Bella zu fahren.“ Sie schnaubte spöttisch. „Das Jugendamt hielt mich für verhaltensauffällig und beschloss bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr das Sorgerecht zu behalten und dann neu zu verhandeln. Ich musste zu irgendwelchen Aggressionstherapien, war ein paar Wochen in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, weil mein Stiefvater ihnen erzählte, dass ich mich ständig selbst schlagen würde... Irgendwann gaben sie dann auf, meinten dass mein Selbsthass wohl durch den Verlust meiner Mutter ausgelöst worden sei und dass ich jetzt ganz viel Liebe von meinem Stiefvater brauchen würde.“ Sie lachte trocken auf. „Ich war ihnen lästig, schätze ich. Jedenfalls... Mit dreizehn ist dann alles eskaliert, ich wurde mit einem Nervenzusammenbruch und ein paar Knochenbrüchen ins Krankenhaus eingeliefert und dann vom Jugendamt in eine betreute WG gesteckt.“

Sarahs Blick war leer und gegen Ende schien sie mehr mit sich selbst zu sprechen, ich war mir nicht mal sicher, ob ihr überhaupt bewusst war wo sie war und dass sie gerade praktisch Fremden ihre Seele entblößt hatte. In diesem Moment zuckte sie zusammen, kratzte an ihrem Handgelenk, sprang auf und murmelte, dass sie mal auf die Toilette müsse. Ich folgte ihr und klopfte gegen die Badezimmertür. „Sarah?“ „Hope“, murmelte sie von innen. „Richtig. Kann ich reinkommen?“ Sie sagte nichts, also öffnete ich die Tür und sah sie auf dem Boden sitzen, am ganzen Körper zitternd und offensichtlich um Beherrschung ringend. Ich war sofort bei ihr, wollte sie in den Arm nehmen und trösten, aber sie sprang auf und trat einen Schritt zurück. „Bitte nicht.“ Ihr Gesicht glänzte, sie schwitzte offenbar stark und wirkte auch sonst eher fahrig. Mit zitternden Fingern drehte sie den Wasserhahn auf, schöpfte sich Wasser ins Gesicht und fuhr sich über den Nacken.

Besorgt sah ich sie an, ihre Haut war aschfahl, ihre Brust hob und senkte sich hektisch und ihr linker Arm war durch das ständige Kratzen mittlerweile krebsrot. Das war nicht die Sarah, die ich als Kind gekannt hatte, das war nicht meine Sarah, das war ein Häufchen Elend. „Kann ich dir helfen?“, fragte ich leise und zu meiner Überraschung nickte sie und zeigte auf ihre Hosentasche. „Könntest du...? Ich bin zu...“ „Klar“, machte ich schnell, froh irgendetwas tun zu können und schob meine Hand in ihre Jeanstasche. Kurz darauf hielt ich zwei kleine, weiße Pillen in der Hand und machte ein fragendes Gesicht. Sarah nahm eine und trank ein paar Schlucke Wasser direkt aus dem Hahn. Dann lächelte sie erleichtert, ließ sich auf dem Badewannenrand sinken und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. „Nur um mich etwas zu beruhigen. Keine Sorge, ich bin gleich wieder in Ordnung.“ Sie lächelte traurig. „Tut mir Leid, dass du das mitkriegen musstest.“ Ich winkte nachdenklich ab und drehte die zweite Pille zwischen meinen Fingern hin und her. Sarahs Atem ging noch genauso schnell wie vorher und sie wirkte kein Stück ruhiger, schien aber damit zu rechnen, dass es gleich besser werden würde. Hmm.

„Du nimmst doch nicht...“ Sarah lachte. „Alles ganz legal und vom Arzt verschrieben, keine Sorge.“ Ich nickte, gab ihr die Tablette zurück und setzte mich dann auf den Boden und schwieg gemeinsam mit ihr eine Weile. „Was da passiert ist, klingt hart“, begann ich schließlich doch vorsichtig und versuchte Sarahs Reaktion einzuschätzen. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Emotion. „Ja. Na ja, es ist vorbei, Geschichte, aus, finito, ich sollte langsam damit abschließen. Und so schlimm wars auch nicht“, fügte sie noch hinzu und senkte den Kopf, nur um ihn Sekunden später wieder hochzureißen. „Oh Gott. Oh Gott! OH GOTT!“ „Was?“, machte ich erschrocken und sprang auf. „Was denn?“ Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Ich hab mich bis auf die Knochen blamiert! Oh Mann, wie kann man nur so doof sein? Eine harmlose Frage und ich nehme das zum Anlass mich gleich mal ordentlich in den Mittelpunkt zu drängen. Und dann bin ich noch so blöd ihnen haarklein meine Vergangenheit zu erzählen, sie müssen mich für total krank halten! In der Psychiatrie gewesen, aggressiv, im betreuten Wohnen... Du kennst doch das Getratsche und die Blicke, dabei war es ganz normal, weißt du? Ein paar Mädchen zusammen in einer Wohnung, nebenan zwei Betreuer. Mit sechzehn bin ich dann ausgezogen und wurde nur noch ambulant betreut. Ich bin sogar zur Schule gegangen, wusstest du das?“ Sie lächelte verträumt. „Ich habe ein ganz normales Leben geführt, habe gelernt, Leute getroffen, meinen Haushalt geführt... Ich war glücklich, immer für ein paar Monate. Dann musste ich umziehen, wieder von vorne anfangen... immer wieder. Ich bin es so leid, Bella. Ich bin es leid jeden Tag in Angst zu verbringen. Ich bin es leid immer wegzulaufen. Ich bin es leid mich von den Menschen, die ich liebe fernzuhalten. Deswegen bin ich zurückgekommen. Ich bin es einfach leid. Ich will mein Leben zurück.“


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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von coboldt am So Okt 17, 2010 10:09 am

Endlich bin ich jetzt auch durch! Das darfst du nicht falsch verstehen (ich hätte gerne gleich noch viel mehr gelesen), aber ich wurde ständig unterbrochen, als ich gelesen habe. Der absolute Horror, ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich lese, es wirklich spannend ist und ich dann unterbrochen werde, werde ich leicht aggressiv.

Am Freitag auf der Arbeit habe ich bis zur Inhaltsangabe gelesen. Erst habe ich gedacht hmm, Twilight... gefällt mir nicht mehr so, aber als ich mit der Inhaltsangabe durch war habe ich gleich gemerkt, dass es anders wird und mich schon richtig darauf gefreut.

Erwartungen übertroffen sage ich nur ^^ Es war ganz fantastisch zu lesen. Super spannend und sehr flüssig zu lesen. Ganz zu schweigen von deiner Art zu schreiben. Alles das, was ich an Twilight -auf gut Deutsch gesagt- angek*tzt hat fällt hier weg. Wie die Anderen schon gesagt haben wirkt es sehr authentisch, und zwar alle Charaktere. Du schöpfst das Potential der Twilight Idee vollkommen aus, was mir bei S.M. so gefehlt hat. Ich war immer leicht enttäuscht, weil ich ihre Ideen echt toll fand, aber die Umsetzung hat mir bei ihr einfach nicht gefallen.
Ein Beispiel: In Twilight kann ich Bella einfach nicht ausstehen, bei dir finde ich sie super sympathisch und lese gerne etwas von ihr und aus ihrer Sicht.
Jake... einfach ohne Worte. Er kommt wirklich super rüber, genau wie die Cullens. Ich kann es kaum erwarten mehr von ihnen zu lesen, du hast ja geschrieben sie kommen in deiner Geschichte häufiger vor, als in den Büchern.

Ein fünffaches Schnauben ertönte. Rosalie und schüchtern, alles klar... und ich würde später mal Tabledancerin in einem Kloster werden, natürlich!“

Einfach herrlich, ich habe mich weggeschmissen.

Hope und ihre Geschichte sind sehr mitreißend. Die ganze Dramaturgie ist atemberaubend und mir liefen die ganze Zeit beim Lesen Schauer über den Rücken.

Kleines Fazit bis hierher: Wow!
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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von Aiyana am Di Okt 19, 2010 6:58 am

Ich bin auch durch und schaffe es endlich, dir ein Review zu schreiben!

Das Kapitel finde ich wieder einmal toll. Sowohl Hopes Angespanntheit als auch ihre Unsicherheit aus Bellas Perspektive zu beobachten war sehr interessant. Allerdings frage ich mich an dieser Stelle, genau wie Bella auch, wieso Hope so darauf losgeplappert hat. Zu der Tatsache, dass das Mädchen sich selbst zu schützen versucht und sich deshalb ihrer Außenwelt gegenüber verschließt, passt dieses Verhalten nicht unbedingt - was auch der Grund ist, wieso ich mich auf Hopes Perspektive freue, denn irgendeinen Grund wird das gehabt haben (auch, wenn es ein unerklärlicher ist, oder Jasper heißt).

Was ich mich auch gefragt habe, ist, wieso Edward nicht eingegriffen hat. Er hätte doch eigentlich in Hopes Gedanken lesen können, oder?
Hach, so viele Fragen und für die Antworten muss ich wohl noch Geduld haben ... Laughing

Nichtsdestotrotz hat mich dieses Kapitel wieder sehr berührt. Ganz langsam wird klar, wie wichtig Hope für Bella ist und wieso ihr Leben von ständiger Angst beherrscht wird. Dein Schreibstil ist mal wieder sehr flüssig und emotional. Du wählst die Worte stets mit Bedacht, umschreibst die Dinge nicht, sondern bringst das, was der Leser an Informationen bekommt, auf den Punkt - was es sehr angenehm macht, sich in die Geschichte und auch die Charaktere hineinzufühlen.
Charaktere wie die Cullens hast du in diesem Kapitel einfach köstlich ausgearbeitet. Emmet war einfach nur köstlich, Edward der typisch schuldbewusste und Esme einfach nur herzlich. Ich bin sehr gespannt, wie die sich noch weiterentwickeln!

_________________


Nenne dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; arm ist nur, wer nie geträumt hat
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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von LittleAngel am Mi Okt 20, 2010 5:48 pm

Süße! DU bist umwerfend, weißt du das? Herzchen Ach, natürlich tust du das, hab ich dir ja schließlich schon öfter gesagt Very Happy Ehrlich, du bist die Art von Reviewer die sich jeder Autor wünscht! Konstruktiv und dabei so unendlich lieb Wink Nein, im Ernst, ich habe glaube ich noch niemanden erlebt, der so aufmerksam liest wie du! Allein Hopes Veränderungen und die Frage nach dem "Warum?" ist so genial, dass ich beinahe umgefallen wäre, als ich es gelesen habe^^ Tja... und wieso hat der liebe Eddie wohl nicht eingegriffen... konnte er es nicht oder wollte er einfach nicht? Very Happy Fragen über Fragen... Ja, Hope ist extrem wichtig für Bella, durch sie wird sie noch viele ihrer eigenen Gedanken und Vorstellungen überdenken und allein die Liebe zu Hope hält sie von der einen oder anderen Dummheit ab... aber leider nicht von allen^^ Das ist etwas, was ich an dieser Geschichte besonders liebe, die Art wie Hope die Menschen die sie lieben beeinflusst und wie die wiederum auch sie verändern... aber da braucht es schon einen aufmerksamen Leser wie dich, damit man es auch merkt, ohne dass ich nochmal extra darauf hinweise Very Happy Jaaaa, ich liebe Emmet in dem Kapitel, er, Jasper, Jake und Billy sind in meiner Geschichte einfach nur Zucker... aber generell werden fast alle Charaktere von mehreren Seiten beleuchtet und je intensiver ich das tue, desto mehr wachsen sie mir ans Herz... Ich habe keine Ahnung wie ich je wieder aufhören soll zu schreiben :hachtr:

So, ich schulde dir ja noch ein Kapitel Very Happy Mit diesem hier bin ich nicht ganz so zufrieden, aber das könnte auch daran liegen, dass ich eh grad etwas durchhänge und an mir zweifel^^ Aber das gibt sich hoffentlich bald wieder... Ich hasse Selbstzweifel^^



Kapitel drei


Hopes POV:

Meine Wangen brannten vor Scham. Ich hatte mich bis auf die Knochen blamiert. Wie hatte ich nur dermaßen die Fassung verlieren können? Mehr als zehn Jahre lang hatte ich meine Gedanken und meine Gefühle für mich behalten, hatte still gelitten, lautlos geweint und alles mit mir selbst ausgemacht. In den letzten drei Jahren hatte ich meine Maskerade perfektioniert, hatte gelächelt wenn mir nach weinen zumute gewesen war, hatte nicht geschrien, nicht getobt, nicht widersprochen. Ich war unauffällig und nett gewesen, war im Hintergrund geblieben. Und jetzt reichte eine einzige Frage aus, um bei mir sämtliche Leitungen durchbrennen zu lassen und mein komplettes Seelenleben vor lauter Fremden auszubreiten? Drei Jahre lang hatte ich kaum ein Wort mit jemandem gewechselt und jetzt quasselte ich einfach ungefragt drauflos?

Aber vielleicht war das der Punkt, vielleicht war ich zu lange auf mich selbst gestellt gewesen, hatte mich zu lange unbedeutend gefühlt. Und jetzt, wo ich auf einmal von allen Seiten Aufmerksamkeit bekam, hatte ich einfach nicht aufhören können. Es war schön gewesen. So lange bis ich gemerkt hatte, was ich gesagt, was ich offenbart hatte und dass mich niemand nach meiner Geschichte gefragt hatte und dass sich verdammt noch mal niemand auf diese Weise für mich interessierte. Nicht nach meiner Mom, meinem Dad, Ben... Ich schüttelte den Kopf, ich konnte jetzt nicht daran denken, das hielt ich nicht aus. Es war zu schmerzhaft, schmerzhafter als Charlie mit Bella zu sehen, Bella mit den Cullens, die Cullens untereinander oder an Billy zu denken. Liebende Eltern... liebende Menschen waren etwas, was ich nicht gut aushalten konnte. Vielleicht waren es auch Menschen im Allgemeinen, die mich überforderten.

Es machte mich rasend, dass ich nicht normal sein konnte. Es war peinlich, dass ich schon beim ersten Treffen alles versaute, dass ich nicht mal mehr einen Tag meine perfekte Maske aufrechterhalten konnte. Es war erbärmlich, dass ich heute schon wieder eine Xanax hatte nehmen müssen. Ich hatte mir das alles anders vorgestellt. Ein Neuanfang in Forks, viel Zeit mit Bella und Jake, zur Schule gehen, vielleicht ein paar gute Bekannte finden. Ich hatte meine Probleme angehen und es vielleicht noch einmal mit einer Therapie versuchen wollen. Ich hatte mein Leben zurückgewinnen, noch einmal ganz von vorne anfangen wollen und schon am zweiten Tag benahm ich mich gestörter als je zuvor. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper, meinen Geist, mein Leben, alles schien mir zu entgleiten. Es war furchtbar.

Ich seufzte leise und Jasper warf mir einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder aufs Fahren konzentrierte. Ich hatte eigentlich zu Fuß nach Hause laufen wollen, um meine Gedanken zu ordnen und die Unruhe zu besiegen. Ich hatte bis zur Erschöpfung rennen wollen, hatte laufen wollen bis ich zusammenbrach... Aber sie ließen mich nicht. Alice hatte mich auf eine merkwürdige Art und Weise angestarrt, als wüsste sie Bescheid, wüsste was ich verbarg. Es hatte sich angefühlt als würde sie direkt in mich hineinsehen und allein die Erinnerung daran verursachte eine Gänsehaut bei mir. Sie hatte Jasper fast schon befohlen mich zu Jake zu fahren und Bella gebeten zu bleiben. Ich war zu verwirrt gewesen um zu protestieren.

Und jetzt saß ich hier, starrte auf meine Fingerspitzen und wusste nicht was ich sagen sollte. Die Stille war unangenehm, aber ich würde mich hüten erneut einfach so loszuplappern. Für heute hatte ich mich wirklich genug blamiert. „Kein Grund sich zu schämen“, sagte Jasper in diesem Moment sanft und seine melodische Stimme hatte aus irgendeinem Grund eine beruhigende Wirkung auf mich. „Ihr müsst mich für den letzten Freak halten“, murmelte ich leise und verbarg mein brennendes Gesicht in meinen Händen. „Nein“, machte Jasper sanft und eine erneute Welle der Beruhigung schwappte zu mir herüber. „Ich halte dich für jemanden, der viel durchgemacht hat, für jemanden, der in seinem Leben schon viel Leid erlebt hat. Niemand denkt schlecht über dich, weder ich noch die anderen!“ Ich warf ihm einen zögerlichen Blick zu. Er klang aufrichtig und sein Gesicht zeigte keinerlei Anzeichen von Hohn oder Abscheu. „Ich wünschte trotzdem, ich hätte einen besseren ersten Eindruck gemacht.“ „Ach weißt du, das magst du jetzt vielleicht nicht glauben, aber es ist gar nicht so schlecht gelaufen. Weißt du, wir bleiben normalerweise unter uns, wir vertrauen nicht vielen Menschen. Aber du warst sehr ehrlich und aufrichtig, hast uns dich auf eine Weise kennenlernen lassen, wie es anderen meist erst nach Jahren gelingt. Das ist nichts Schlechtes, Hope.“

Ich lächelte und mit einem Mal war alle Scham verschwunden und wurde durch reine Entspannung ersetzt. Mann, die Xanax hat sich mal wieder selbst übertroffen. „Du hast dir meinen Namen gemerkt.“ Jasper lachte. „Klar.“ Wir schwiegen die nächsten Minuten, aber diesmal war es keine unangenehme Stille. Ich war entspannt, ruhig, gelassen. Es war wunderbar, so gut hatte ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt. Keine Sorgen, keine Angst, nichts Böses schien zu mir durchzudringen. Dann fuhr Jasper auf einmal rechts ran. Fragend hob ich eine Augenbraue und er lächelte entschuldigend. „Schätze wir haben einen Platten.“ „Oh“, machte ich. „Was soll ich tun?“ Er winkte nur ab. „Lass nur. Warum gehst du nicht den Rest zu Fuß, ich erledige das schon.“ Ich protestierte heftig, schließlich war er doch nur meinetwegen hier, aber Jasper winkte erneut ab. Ich wollte anbieten zumindest den neuen Reifen zu zahlen, aber in diesem Moment klopfte jemand neben mir an das Fenster und ich schrie und wäre vor Schreck fast Jasper in den Schoß gesprungen. „Heilige Scheiße, Jake“, fluchte ich und versuchte gleichzeitig meinen hektischen Atem und mein schmerzhaft pochendes Herz zu beruhigen. Mein bester Freund hob entschuldigend die Schultern und Jasper lachte, legte mir dann aber eine Hand auf den Unterarm und augenblicklich durchströmte mich wieder die reine, tiefe Ruhe, die ich bis eben gespürt hatte. „Auf Wiedersehen, Hope“, sagte Jasper sanft. „Wir sehen uns dann am Montag in der Schule.“

Ich stolperte benommen aus dem Wagen und wurde gerade noch so von Jake aufgefangen. „Alles okay?“, fragte er besorgt und ich nickte langsam. „Jaaaah. Bin nur irgendwie... erschöpft.“ „Mhh“, machte Jake, wirkte aber nicht ganz überzeugt. „Wars denn in Ordnung?“ „Ich hab mich bis auf die Knochen blamiert“, murmelte ich beschämt und nahm den Helm entgegen, den er mir hinhielt. „Halt dich gut fest“, sagte er noch und ließ dann den Motor an. Es war wunderbar den Wind in meinem Haar zu spüren, Jakes Körper ganz dicht an meinem, sein Duft in meiner Nase... Wir fuhren den Sorgen davon, nach Hause.

Keine fünf Minuten später bremste Jake und half mir vom Sattel. Als ich zu stürzen drohte, griff er nach meinem Handgelenk und ich zuckte zusammen. „Entschuldige“, murmelte er leise, nahm meine Hand in seine und zog mich zur Haustür. „Lass uns nur eben Billy begrüßen und dann erzählst du mir alles, ja? Er war so enttäuscht, dass du nicht bei uns wohnen wirst.“ Schuldgefühle kochten in mir hoch. Billy war mir immer der Vater gewesen, den ich nie gehabt hatte. Wie oft hatte er meine Mutter angefleht meine Stiefväter zu verlassen? Wie oft hatte er ihr ins Gewissen geredet, dass Ben und ich eine Konstante in unserem Leben bräuchten? Wie oft hatte er mich bei sich aufgenommen, wenn ich nachts völlig verängstigt vor der Tür stand und nicht nach Hause wollte? Und soviel ich wusste war er es auch gewesen, der das Jugendamt davon überzeugt hatte, dass ich in einer betreuten Wohngruppe besser aufgehoben war als bei meinem Stiefvater und der dafür gesorgt hatte, dass ich weit, weit weg von meiner Vergangenheit eine Chance auf ein neues Leben bekommen hatte. Auch wenn es nicht funktioniert hatte, Billys Absichten mir gegenüber waren immer rein und über jeden Zweifel erhaben gewesen. Er hätte sein letztes Hemd für mich gegeben und wie dankte ich es ihm? Ich meldete mich jahrelang kaum bei ihm, ließ ihm oft auch nur Grüße ausrichten und schickte ab und zu wenn ich mich sicher genug fühlte einen Brief. Und jetzt lehnte ich es sogar ab bei ihm zu wohnen.

Mit einem Mal war die Unruhe wieder da, der Druck wuchs. Ich ballte meine Hände zu Fäusten, öffnete sie, bohrte mir die Fingernägel in die Handflächen, kratzte an meinem Arm, schluckte krampfhaft und versuchte meinen Atem unter Kontrolle zu halten. „Sarah?“ „Hope!“, krächzte ich und rang gierig nach Luft. Ruhig, ganz ruhig, atmen, atmen, Hope! „Hast du vielleicht ein Glas Wasser?“, fragte ich und Jake nickte, schob mich hastig in den Hausflur und eilte in die Küche. Mit zittrigen Fingern holte ich auch die zweite Xanax aus meiner Tasche und starrte sie an. Ich hatte noch nie zwei innerhalb von so kurzer Zeit genommen, wusste ich doch wie schnell man abhängig werden konnte. Sie waren für den Notfall gedacht. Das hier ist aber auch ein Notfall. „Ist es nicht“, murmelte ich. Das hier war normal, das hier war Alltag. Aber es ist eine Ausnahmesituation. Du triffst all die Leute, die du liebst wieder, weißt nicht wie sie auf dich reagieren. Du versuchst ihnen das zu geben, was sie in dir sehen wollen: Einen gesunden, fröhlichen Menschen. Und du hast heute das erste Mal überhaupt mit jemandem außer Jess über deine Vergangenheit geredet. Du hast jede Berechtigung auszuflippen. Es wird leichter mit der Zeit und bis dahin solltest du dich nicht unnötig quälen. Nimm sie und dann verbring einen schönen Nachmittag mit Jake. Und hör endlich auf ständig nachzudenken!

Ich hörte Jacob zurückkommen und entschied mich blitzschnell: Ich schluckte die zweite Xanax, nahm dankbar das Wasser entgegen und stürzte es in einem Zug runter. Seltsam, jetzt wo ich mich entschieden hatte und mir die zweite Xanax zugestehen konnte, ging es mir schon ein wenig besser. Ich musste mich dringend mal wieder an dieses Therapietagebuch setzen, das mir Jess empfohlen hatte, um herauszukriegen in welchen Situationen ich ungesund reagierte. Ich warf Jake einen dankbaren Blick zu und drückte dann kurz seine Hand. „Alles gut. Neue Leute verursachen irgendwie immer Stress bei mir, ich hasse es, wenn ich etwas nicht einschätzen kann.“ „Ach so“, lachte Jake und grinste. „Ja, ich auch.“ Damit schien die Sache für ihn zum Glück erledigt zu sein, denn er zog mich einfach hinter sich her ins Wohnzimmer.

Dort saß Billy in seinem Rollstuhl, die langen Haare zu einem ordentlichen Zopf gebunden und aufgeregt auf der Stelle hin und her rollend. Er starrte mich an und seine Augen blitzten vor Freude, aber er bewegte sich nicht von der Stelle, wollte mich ganz offensichtlich nicht bedrängen. Gott, ich liebte diesen Mann! Und das hieß schon was, denn Männer gehörten nicht gerade zu meiner Lieblingsspezies. Ich entspannte mich merklich, ging auf meinen Ersatzvater zu und ließ mich dann einfach auf seinem Schoß nieder, schlang meine Arme um seinen Hals und legte meinen Kopf auf seiner Schulter ab. „Hey Billy.“ „Hey, Mäuschen“, murmelte er leise und drückte mir einen Kuss auf das Haar. „Es ist schön dich wieder bei uns zu haben!“ Ich nickte nur. Worte konnten nicht beschreiben was ich gerade fühlte. Ich hätte früher wieder nach Hause kommen sollen. Aber da waren die Schuldgefühle gegenüber Bella gewesen und die Angst, die panische Angst in mir hatte immer überwogen. Erst als die Einsamkeit überhandnahm, hatte ich ernsthaft angefangen über einen Rückzug nachzudenken. Ich wäre so oder so zurückgekommen, Jerrys Tod hatte das Ganze nur beschleunigt.

„Es tut gut wieder hier zu sein“, sagte ich leise. „Und es tut mir Leid, dass ich bei Bella und Onkel Charlie untergekommen bin. Ich war so froh, dass sie überhaupt mit mir geredet hat, dass sie mich sogar länger um sich haben wollte, da konnte ich sie doch nicht sofort wieder vor den Kopf stoßen. Ich habe nicht daran gedacht, dass dich und Jake das verletzen könnte.“ „Ach“, machte Billy nur fröhlich und winkte ab. „Hauptsache du bist wieder da. Du sollst nur wissen, dass du jederzeit zu uns kommen kannst. Falls du dich doch gegen eine eigene Wohnung entscheidest oder es länger dauert als erwartet, finden wir hier schon ein Plätzchen für dich, keine Sorge.“ „Danke“, murmelte ich und küsste ihn auf die Wange. „Das ist wirklich lieb, aber ich denke nicht, dass es nötig sein wird. Jess hat bis jetzt immer relativ schnell eine neue Wohnung für mich gefunden, das klappt schon.“ Er sah etwas enttäuscht aus und so fügte ich hinzu: „Aber ich komme euch gerne öfter besuchen, wenn ich darf!“ Billy strahlte wieder und klatschte fröhlich in die Hände. „Also abgemacht. So und jetzt werde ich euch beide in Ruhe lassen, ihr habt euch sicher viel zu erzählen. Pizza steht auf dem Tisch und wir sehen uns dann später!“ Damit verwuschelte er mir das Haar, stellte mich wieder auf die Beine und rollte davon.

„Geil, Pizza“, kommentierte Jake und schmiss sich aufs Sofa, das daraufhin bedrohlich ächzte. „Greif zu!“ „Nein, danke“, murmelte ich und setzte mich neben ihn. „Bei den Cullens gab's schon Riesenmengen.“ Bloß nichts essen jetzt. „Bleibt mehr für mich“, antwortete er achselzuckend und schob sich zwei Stücke auf einmal in den Mund. Ich beneidete ihn um seine Unbeschwertheit und seufzte lautlos. „Wasch?“ Er sah mich fragend an, schluckte und rieb sich den Hals. „Au, das war zu viel auf einmal. Was ist denn?“ „Mir ist nur ein bisschen kalt“, sagte ich und legte mir eine Wolldecke um die Schultern. Jake blickte mich misstrauisch an. „Es ist Frühling!“ Er musterte mich und grinste schief. „Na ja, kein Wunder, an dir ist ja auch kein Gramm Fett, natürlich frierst du. Pass auf, wir päppeln dich schon noch auf, keine Sorge.“ Klingt für meinen Geschmack nach einer Drohung. Wechsel das Thema. „Klar. Ähm... erzähl mal, wie war die Zeit ohne mich?“ Sehr gut, die Leute lieben es über sich selbst zu reden! „Langweilig“, sagte Jake und zog eine Schnute. „Schule, Gartenarbeit, lernen, schlafen. Gut, ein bisschen Zeit für Freunde war dann auch noch da.“ Er lachte auf. „Oder auch ein bisschen mehr. Aber es war langweilig. Dann kam Bella zurück und ich dachte es würde anders werden... wurde es aber nicht, stattdessen hing sie an Cullens Fersen.“ Er schnaubte. „Es war widerlich, sie hat ihn ständig mit diesem schmachtenden Blick angesehen und lief ihm nach wie ein kleines Hündchen.“ „Eifersüchtig?“, fragte ich nur und sah dass er zusammenzuckte. Treffer, versenkt.

„Ich hab vielleicht ein bisschen für sie geschwärmt, jaaaah“, machte er langgezogen und verdrehte übertrieben theatralisch die Augen. „Aber das ist vorbei, spätestens seit sie diesen Bl... Kerl wieder zurückgenommen hat. Mit offenen Armen, das hättest du sehen sollen! Er hat sie wie Dreck behandelt, hat sie einfach im Stich gelassen, so jemand hat doch keine zweite Chance verdient!“ Ich sah ihn ruhig an. „Das denke ich auch.“ Er nickte energisch, hielt aber dann inne. „Moment, so hab ich das aber nicht gemeint! Bei dir war das etwas ganz anderes, du warst dreizehn, praktisch noch ein Kind und Ben hatte gerade...“ „Das mit Ben ist erst einen Tag später passiert“, warf ich ruhig ein und Jacob stutzte. „Bist du sicher? Ich meine...“ „Ich. Bin. Sicher.“ Ich betonte jedes Wort einzeln. „Es war mein Geburtstag, glaub mir, ich bin sicher.“ Jake senkte bestürzt den Kopf. „Oh. Schätze dann weiß ich auch warum du seitdem kein Geburtstagsgeschenk mehr haben wolltest.“ „Ich empfand den Tag eben nicht als einen Grund zum Feiern“, sagte ich schließlich und lenkte das Gespräch wieder in eine andere, zwar nicht weniger gefährlichere, aber um einiges weniger emotionale Richtung. „Warum denkst du, dass mir verziehen werden sollte, aber Edward nicht?“ „Weil... weil...“ Er überlegte angestrengt. „Das ist etwas anderes, ihr hätte sonst was passieren können!“ „Nun, ich wage zu bezweifeln, dass Edward gegen eine Krankheit oder einen Unfall oder etwas in der Art etwas hätte ausrichten können“, antwortete ich knapp und sah Jake ernst an. „Komm mal von deinem Trip runter, ernsthaft, Jake. Edward scheint ein guter Kerl zu sein, die ganze Familie ist wahnsinnig lieb, ich habe mich heute so blamiert und trotzdem waren sie immer noch nett zu mir, haben mich nicht wie einen Freak behandelt! Ich finde wirklich, dass sie deinen Hass nicht verdient haben. Und wenn du Bella nicht verlieren willst, solltest du anfangen dich zu benehmen, denn sie liebt ihn und wird ihn nicht aufgeben- auch nicht für dich.“

Jake wirkte deutlich angepisst und schien nach Widerworten zu suchen, aber dann schloss er die Augen und atmete tief durch. „Schön“, machte er nur. „Schön.“ Ich nahm seine Hand und kuschelte mich an ihn. Er entspannte sich. „Waren sie wirklich so nett zu dir?“ Ich nickte an seiner Schulter. „Ich war furchtbar, hab mich in den Mittelpunkt gedrängt und ungefragt drauflosgeplappert. Jeder andere hätte mich danach anders angesehen, du weißt nicht was ich ihnen erzählt habe! Argh.“ Ich stöhnte. „Ich hab gar nicht wirklich realisiert, dass sie da waren, weißt du? Es war wie in einer meiner Therapiestunden, ich hab einfach drauf losgeredet, ohne nachzudenken. Ich hab mich total zum Affen gemacht.“ „So schlimm wars sicher nicht“, antwortete Jake ruhig und legte für einen Moment die Pizza weg. „Hast du erzählt, dass Ben...?“ „Nein!“, zischte ich scharf. „Und ich will auch nicht darüber reden, auch mit dir nicht, klar?“ „Schon gut, schon gut.“ Er hob abwehrend die Hände und ließ zu, dass ich mich von ihm löste, die Decke fester um mich schlang und ans andere Ende des Sofas rutschte. „Weiß Bella es?“ „Keine Ahnung. Zu Renée hatte ich so gut wie keinen Kontakt mehr seit sie Bella von hier fortgeschleppt hat. Und Charlie... keine Ahnung ob er es ihr erzählt hat. Ich denke aber eher nicht, wenn sie es wüsste, hätte sie mich sicher schon darauf angesprochen.“ „Mhh. Du solltest es ihr aber sagen. Sie wird verletzt sein, wenn sie es von jemand anderem hört oder es erst erfährt wenn sie anfängt zu fragen. Sag es ihr. Sag ihr du möchtest nicht darüber reden, aber du wolltest, dass sie es weiß. Nur die Fakten, Sarah, das reicht.“

„Hope“, knurrte ich. Verdammt, war es denn so schwer sich einen Namen zu merken? Das war wichtig, verdammt, wie sollte ich mich sicher fühlen, wenn sie mich immer noch mit meinem alten Namen ansprachen? „Richtig. Hope, Hoffnung, ein schöner Name.“ „Danke“, murmelte ich etwas besänftigt. „Die Hoffnung ist das einzige, was dir niemand nehmen kann. Sie können deinen Körper brechen, aber solange du noch Hoffnung hast, ist deine Seele vor ihnen sicher.“ „Mhh“, machte Jacob zustimmend, schien aber nicht zu wissen was er weiter dazu sagen sollte und nahm sich ein Stück Pizza. Er kaute langsam und ich entspannte mich langsam. Die zweite Xanax zeigte ihre Wirkung, auch wenn ich diesmal deutlich müder als sonst war. Und ein bisschen schlecht war mir auch. „Willst du schlafen?“, fragte Jake und ich schüttelte den Kopf. Er fühlte sich schwer an. „Quatsch, wir haben doch erst Nachmittag!“ „Soll ich dann einen Film einlegen?“ „Mhh“, machte ich undeutlich. „Irgendwas Spannendes, ja? Mit Humor. Und gutaussehenden Darstellern. Und der Böse soll am Ende sterben!“ Ich hörte Jacob lachen. „Keine Ansprüche, wie immer.“ „Wir können auch gerne „Natürlich blond“ angucken“, brummte ich durch die Zuckerwatte, die meinen Kopf zu umgeben schien hindurch. „Da tanz ich eher Tango mit den Blutsaugern“, hörte ich eine Stimme von ganz weit weg antworten und schwor mir nie wieder eine Überdosis an Xanax zu schlucken. Ich halluzinierte ganz offensichtlich.

Von dem Film bekam ich nicht allzu viel mit. Ich wurde zwar wieder etwas wacher als die erste Bombe hochging, aber auf die -wenn auch nur spärlich vorhandene- Handlung konnte ich mich trotzdem nicht konzentrieren. Ich starrte nur wie hypnotisiert auf die Hauptdarstellerin, eine starke, selbstbewusste Frau mit den Taschen voller Waffen. Ich bewunderte sie. Sie war stark und schön. Sie hatte keine Angst, sie lebte ihr Leben und selbst als die ganze Welt nur noch aus Zombies bestand, schien sie immer noch an ihrer Existenz zu hängen. Ich dagegen hätte mein Leben schon für weniger weggeschmissen, zumindest an schlechten Tagen. Niemand konnte dieser Frau etwas anhaben. Ein Typ belästigte sie? Sie trat ihm zwischen die Beine. Ein Zombie wollte ihr Gehirn fressen? Sie schoss ihm den Kopf weg und machte sich gleich danach eine extragroße Portion Frühstück. Warum konnte ich nicht mehr wie sie sein und einfach zum Alltag übergehen? Warum musste ich mich so an der Vergangenheit festklammern, warum tat ich mir selbst so leid, warum suchte ich ständig Entschuldigungen für mein Verhalten anstatt es zu verändern? Warum war sie so stark und ich so schwach? Weil sie eine Filmfigur ist. Das hier ist das wahre Leben. Du hast mit ganz anderen Dämonen als einfachen Zombies zu kämpfen.

Und trotzdem... Ich versuchte es einfach nicht genug, ich machte es mir leicht, verdammt noch mal! Anstatt die Arschbacken zusammenzukneifen und mein Leben anzugehen, schmiss ich mich lieber mit allen möglichen Pillen zu und stellte mich ruhig. Super, ganz großes Kino. Die Wahrheit war doch, dass ich ein Feigling war. Ich hatte viel zu viel Angst vor dem Leben da draußen und so blieb ich in meiner kleinen, beschränkten Welt, tat mir selbst ganz furchtbar leid und machte mir bei jedem Pups fast in die Hose. Mann, ich war echt ätzend!

Ich schloss stöhnend die Augen und Jake tätschelte mir beruhigend den Fuß. „Keine Angst, das sind keine echten Eingeweide und das ist auch nur Filmblut.“ Lieber, unschuldiger Jake. Ich lächelte und warf ihm einen zärtlichen Blick zu. „Ach was, wenn du bei mir bist, hab ich doch keine Angst.“ Es stimmte. Jake würde sich eher beide Beine abhacken als mich zu verletzen und er würde niemals zulassen, dass mir irgendjemand etwas tat. Mal davon abgesehen war er mittlerweile ein Riese, niemand, der noch alle Tassen im Schrank hatte würde sich mit ihm anlegen. Ich grinste und piekste Jake dann mit meinem großen Zeh. „Du hast mir gefehlt, weißt du das?“ Er warf mir einen warmen Blick zu. „Du mir auch, du mir auch.“ Er sah mich nachdenklich an. „Ich bin wirklich froh, dass du dich entschieden hast zurückzukommen, obwohl du an Forks nicht die besten Erinnerungen hast. Ich weiß, dass du ein paar harte Jahre hinter dir hast, aber ich verspreche, dass es ab jetzt wieder bergauf geht. Jetzt wird alles wieder gut, vertrau mir, das weiß ich einfach.“ Und aus irgendeinem Grund glaubte ich ihm.


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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von Aiyana am Do Okt 21, 2010 11:27 am

Ich finde deine Ängste, das Kapitel wäre nicht so gut, völlig unbegründet, denn ich fand es sehr schön. Very Happy

Du bzw Hope gewährt dem Leser hier einen intensiven Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt eines Angstkranken, was sehr emotional war. Dieser Rettungsanker in Form von Tabletten, ohne die man glaubt, Stress nicht überleben zu können und ohne die man das Gefühl hat, dritte könnten einen durchschauen und in jemandem lesen wie in einem offenen Buch. Diese Selbstmanipulation durch die es einem sofort nach der Einnahme der Tabletten besser geht -ganz ohne das diese ihre Wirkung entfalten konnten- und das ewige schlechte Gewissen, das einen plagt, die Selbstvorwürfe, sich nicht genug zu bemühen, nicht genug zu kämpfen ... das alles an den Leser heranzubringen ist dir sehr gut gelungen, hat eine Gänsehaut bei mir ausgelöst und mir viel aufgezeigt, was ich selbst so gut kenne.
Auch diese zerreißende Sehnsucht nach Liebe, Akzeptanz und einem Zuhause wurde durch Hope sehr deutlich und spiegelt etwas wider, was für einen Angstpatienten Alltag ist, einen nicht gerade geringen Teil seines Problems darstellt und den Leidenden aufzufressen droht - nicht zuletzt deswegen, weil man das Gefühl hat eben das, wonach man sich sehnt, nicht verdient zu haben.

Meiner Meinung nach ist es nicht das Thema selbst, was diese Geschichte so schön bzw gelungen macht, sondern die Art, wie du an sie herangehst und die Dinge beschreibst. Nicht nur jemand, der all das selbst durchgemacht hat/durchmacht kann der Handlung und den Gedankenzügen folgen, sondern auch ein Leser, der bis jetzt in einer großen Distanz zu dieser Problematik stand. Die nötigen Emotionen gewinnt die Geschichte durch die Gedanken der einzelnen Charaktere, deren Gesten und durch Momente wie dem zwischen Hope und Billy, der ein Gefühl des Ankommens, des Zuhause zu sein bei mir ausgelöst hat. Solche Momente sind es, durch die Kraft geschöpft wird und auch bei Hope wird hier deutlich, wie sehr sie sich einfach nur danach gesehnt hat, liebevoll festgehalten zu werden und das Gefühl zu haben, beschützt zu werden.

In diesem Kapitel hast du meine Frage nach dem Grund für Hopes offenes Geständnis beantwortet und wenngleich ich mir so etwas ähnliches schon gedacht hatte, fand ich es nicht langweilig. Doch auch neue Fragen hast du in mir aufkommen lassen - so zum Beispiel, wieso Alice darauf bestanden hat, dass Bella dableibt und was genau an Hopes Geburtstag passiert ist. Und da ich bekanntlich eine sehr neugierige Nase bin, bin ich auch ganz schlecht im geduldigen Warten! Laughing

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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von LittleAngel am Mi Okt 27, 2010 10:21 pm

Da bin ich also wieder Very Happy Schatzi, ich habs dir ja schon gesagt, aber du bist echt die beste Reviewerin, die sich ein Autor wünschen kann. Ich bin so extrem aufmerksame Leser gar nicht gewöhnt und kann mich gar nicht wieder einkriegen. Toll! Die Tabletten, die Selbstmanipulation, die Vorwürfe, die extreme Sehnsucht nach Zuneigung... Jap, ganz genau! Was soll ich da noch groß sagen^^ Jaaaah, ganz genau, Hope sehnt sich nach nichts mehr als festgehalten zu werden, sie hat sehr unschuldige, kindliche Sehnsüchte. Du erinnerst dich an meine Aussage, dass Hope und Sex noch nicht zusammenpassen? Das ist einer der Gründe^^ Tihi... und ich bin in deiner Sig Herzchen

Generell muss ich sagen, dass jeder der mehr über die Hintergründe der FF und der Charaktere erfahren möchte sich definitiv Aiyanas Reviews durchlesen sollte, ich hab noch nie einen dermaßen aufmerksamen und intuitiven Leser gesehen. Ganz großes Lob!!! Knuff



Ich bin am überlegen, ob die ausgearbeitete Idee nicht vielleicht zu schade ist für eine FF und ob ich stattdessen nicht noch ein Buch schreiben sollte, ich hätte nämlich noch Ideen für zwei Folgebände... Wäre ja irgendwie Verschwendung das alles nur in eine FF zu stecken, vor allem weil von vielen Seiten noch Reviews fehlen. Hmm... Mal sehen^^ Jetzt erstmal viel Spaß mit Kapitel vier Smile


Kapitel vier:





Hopes POV:

Verwirrt und völlig desorientiert schreckte ich aus dem Schlaf hoch, krallte mich an meiner Decke fest und atmete hektisch. Mein Herz klopfte schmerzhaft und ich brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass ich nicht in Gefahr war. Ich war noch immer in Billys Wohnzimmer, alles war in Ordnung, es gab keinen Grund zur Sorge. Ich stöhnte frustriert auf. So viel zum Thema normal. Aber wenigstens hatte Jake es nicht mitbekommen. Apropos. Ich sah mich irritiert um. Nope, kein Jake. Ich entspannte mich etwas und rollte mich dann auf dem Sofa zusammen. Es war das erste Mal seit sieben Monaten und dreizehn Tagen, dass ich wieder von ihm geträumt hatte. Scheiß Flashbacks. Vielleicht sollte ich Jess anrufen? Ich schüttelte den Kopf. Jess wusste zwar viel, aber dieses ganz bestimmte Detail meiner Vergangenheit hatte ich bis jetzt erfolgreich verborgen und ich war nicht scharf darauf, dass er es erfuhr. Es war entwürdigend und widerlich. Ich wollte nicht, dass er... dass er dieses Bild von mir hatte, wenn er an mich dachte.

Bei Jess handelte es sich um einen meiner ehemaligen Betreuer. Er war um einiges jünger als der Rest gewesen, mittlerweile dürfte er etwa Mitte, Ende zwanzig sein. Er war der einzige gewesen, der sich wirklich für mich interessiert, sich intensiv mit mir auseinandergesetzt und mir auch außerhalb seiner Dienstzeit zu helfen versucht hatte. Aus irgendeinem Grund schien er gemerkt zu haben, dass bei mir weit mehr im Argen lag als ich zugab und er war auch derjenige gewesen, der mit mir nach einem geeigneten Therapeuten gesucht hatte. Er wusste, warum ich ständig umziehen musste und jedes Mal wenn die anderen Betreuer mir die Erlaubnis verwehren hatten wollen, weil es angeblich gesünder für mich wäre mich meinen Problemen zu stellen, hatte er sich für mich eingesetzt und dafür gesorgt, dass ich die Stadt verlassen und in eine neue WG wechseln durfte. Auch nach meinem Auszug war er mit mir in Kontakt geblieben, hatte sämtliches Organisatorische für mich erledigt, mir Geld geliehen, wenn ich knapp bei Kasse war und dafür gesorgt, dass ich immer unter ärztlicher oder therapeutischer Beobachtung stand. Er war mein Freund und er wusste viel von mir. Meine Geheimnisse waren sicher bei ihm, nie hatte er etwas von dem was ich ihm unter Tränen gestanden hatte in einem seiner Berichte erwähnt. Und wann immer ich Probleme hatte, war er da um mir zu helfen, darauf konnte ich vertrauen.

Ich erinnerte mich noch ziemlich genau an eine Konfrontation mit einem meiner Betreuer als ich etwa fünfzehn gewesen war. Er war unzufrieden mit mir gewesen, wütend weil ich mich geweigert hatte in einer offenen Therapiegruppe mein Seelenleben auszubreiten. Er hatte angefangen auf mir rumzuhacken, immer mehr Fehler an mir zu finden. Ich war zu dem Zeitpunkt etwas untergewichtig gewesen und hatte auf den Stress zusätzlich mit Nahrungsverweigerung reagiert. Schließlich bekam ich von meinem Betreuer ein Ultimatum gestellt: Sollte ich mich bei der nächsten Therapiesitzung weiterhin querstellen und nicht ordentlich mitarbeiten, würde er das auf meine Mangelernährung schieben und mich zwingen zuzunehmen. Sollte ich mich auch da verweigern, würde er persönlich dafür sorgen, dass ich meinen WGplatz verlor, wenn ich nicht mitarbeitete hätte ich auch keine Hilfe verdient und dann würden sie mich wieder in die Psychiatrie stecken und dann hätte ich keine Wahl mehr. Dann würden andere über mich entscheiden.

Ich war komplett ausgerastet, hatte einen Heulkrampf nach dem anderen bekommen und war schließlich aufs Fensterbrett gestiegen, felsenfest dazu entschlossen mir eher das Leben zu nehmen als noch einmal zuzulassen, dass jemand mir den freien Willen nahm. Ich hatte gezetert und geschrien, dass ich mich nicht dazu zwingen lassen würde, dass niemand das Recht hatte mir das anzutun, dass ich nichts Falsches gemacht hatte, dass sie mir bitte nicht wehtun sollten... Dort, auf dem Fensterbrett in schwindelerregender Höhe hatte ich meinen ersten richtig heftigen Flashback. Mein Betreuer allerdings hatte sich nur in seiner Meinung über mich bestätigt gesehen, dass ich ausschließlich Aufmerksamkeit wolle und ein aufsässiges Kind wäre, aber eine meiner Mitbewohnerinnen hatte meinen Notfallkontakt angerufen: Jess. Ich hatte ihn durchs Telefon schreien gehört und irgendwie hatte mich das wieder etwas in die Realität zurückgeholt. Jess war immer eine Art Fels in der Brandung gewesen, niemals hätte er zugelassen, dass mir jemand etwas antat. Ich hatte mich beruhigt, war aber vorsichtshalber auf der Fensterbank sitzengeblieben, nur für alle Fälle. Zwei Stunden später war Jess da gewesen, hatte meinen Betreuer so lange angeschrien bis er beinahe heiser gewesen war, meine Sachen gepackt und mich mit zu sich nach Hause genommen, wo ich ein paar Tage geblieben war, bis er eine geeignetere WG für mich gefunden hatte. Seitdem nahm ich Medikamente.

Ich rollte mich enger zusammen und bettete meinen Kopf auf meinen Unterarmen. Ich spürte den Druck in mir, die wachsende Unruhe, die Panik. Ich hatte keine Xanax mehr. Ich versuchte ruhig zu bleiben und drehte mich auf den Rücken, starrte an die Decke. Therapietagebuch... Was hat die Gefühle ausgelöst? Flashback. Wie fühlt es sich an? Druck. Druck, Druck, Druck. Was ist das für ein Druck, was braucht es um ihn zu lösen? Ich drehte mich auf den Bauch und versuchte in mich hineinzuhören. Es gab viele Möglichkeiten Unruhe, „Druck“ wie ich es nannte oder aufkommende Panikattacken zu verhindern oder zumindest abzuschwächen. Bewegung, Schmerzen, Essen, Menschen, Medikamente, irgendetwas was einen beruhigte oder so lange ablenkte, bis man wieder die Kontrolle über sich erlangte. Diese Attacken waren schlimm, ich verlor teilweise vollständig die Kontrolle über mich und handelte mehr wie ein Tier, konnte an nichts anderes denken als meine Bedürfnisse zu befriedigen. Es war erniedrigend. Ich ließ es nie jemanden mitbekommen.

Ich hielt es keine Sekunde länger mehr aus und sprang auf. Medikamente fielen flach, also probierte ich es mit den Menschen, das war die gesündeste Möglichkeit. Ich rief nach Billy, rannte in Jakes Zimmer, nach oben, ins Bad, in den Keller, rief immer wieder nach ihnen, aber sie waren nicht da. Verdammt. Ich hastete zurück in den Flur und schnappte nach Luft. Mir war etwas schwummerig und übel, offenbar die Nebenwirkungen der zweiten Xanax. Beruhigt hatte ich mich aber leider nicht. „Menschen“, murmelte ich konfus, griff nach meinem Handy und drückte eine Taste. Jess war bei mir immer im Kurzwahlspeicher. Er ging nicht ran. Er war immer zu erreichen, nur jetzt nicht, jetzt wo ich ihn brauchte war er nicht da. Ich atmete zitternd aus. Billy, Jake, Jess... Bella! Ich hatte doch hier irgendwo... Da! Triumphierend fischte ich einen kleinen, zerknitterten Zettel aus meiner Hosentasche und tippte schnell die Nummer ein. Es tutete, einmal, zweimal, dreimal... „Hier ist der Anschluss...“ Mailbox. Frustriert klappte ich mein Handy zu und stopfte es zurück in meine Hosentasche. Vielleicht war Jess nur unter der Dusche und rief mich gleich zurück. Ja, er würde sich bestimmt gleich melden, ich musste nur so lange durchhalten. Ich lief die Treppen herauf und suchte nochmal alle Zimmer nach Jake ab. Ich rannte wieder herunter, suchte nach Billy. Rauf. Runter. Rauf. Runter. Rauf. Runter. Zitternd hielt ich mich am Geländer fest. Es half nichts. Mein Blick fiel auf die Küchentür. Nein. Das konnte ich nicht tun. Nicht hier. Nicht bei Billy und Jake. Vielleicht sind sie im Garten oder arbeiten in der Garage.

Ich nickte erleichtert und stürmte hinaus. Jakes Motorrad war weg. Er war nicht hier. Und trotzdem lief ich los, einmal ums Haus, zweimal, dreimal. Wieder ins Haus, die Treppen rauf und runter bis mir die Knie zu versagen drohten. Die Unruhe ging nicht weg. Ich starrte die Küchentür an. Tus nicht. Ich ging ins Bad, starrte in den Spiegel, schöpfte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Tus nicht. Ich ging wieder in den Flur, sah aus dem Fenster, hoffte dass Jake gerade jetzt zurückkommen würde. Er tat es nicht. Ich klappte mein Handy auf, vielleicht rief Jess mich gerade jetzt, in diesem Moment zurück? Er tat es nicht. Ich starrte die Küchentür an. Tus nicht. Ich tat es. Ich betrat die Küche mit schnellen Schritten und sah mich kurz um. Es hatte sich nichts verändert, es sah genauso aus wie vor bald fünf Jahren, als ich das letzte Mal hier gewesen war. Einbauküche, Kühlschrank, Hängeschränke, ein kleiner Tisch mit vier Stühlen und einer karierten Tischdecke. Genauso wie früher. Es ist noch nicht zu spät. Geh einfach wieder ins Wohnzimmer und warte auf Jake. Ich konnte nicht. Wie paralysiert riss ich den Kühlschrank auf und starrte mit leerem Blick hinein. Es war nichts drin. Er war bis oben hin gefüllt und trotzdem war nichts drin, zumindest nichts, was mich hätte befriedigen können. Ich knallte die Tür heftiger als nötig zu.

Ein paar Sekunden lang stand ich hilflos im Raum, dann fiel mein Blick auf die Hängeschränke. Wenn wirklich alles wie früher war, dann war vielleicht auch... Innerhalb von einer Sekunde hatte ich beide Türen aufgerissen und ließ meinen fachmännischen Blick über den Inhalt gleiten. Haferflocken, Müsli, Zucker, Salz, Mehl, Suppendosen... und vier Packungen Schokokekse. Meine Hand zuckte, aber dann schloss ich die Türen der beiden Hängeschränke wieder. Es hätte sowieso nicht gereicht, vier Packungen waren nicht genug um die Unruhe zu ersticken. Meine Hände krallten sich ineinander. Meine Brust schmerzte, mein Atem ging noch immer schnell. Es war furchtbar. Dann fiel mein Blick auf den Mülleimer. Das ist nicht dein Ernst. So tief kannst du nicht sinken.

Meine Hände zuckten. Ich wusste, es würde passieren. So oder so, ich konnte nicht entkommen. Ich hatte die Kontrolle verloren. Es war nur noch eine Frage von Minuten. Und anstatt zu kämpfen und es wenigstens hinauszuzögern, gab ich auf. Ich fiel auf die Knie und griff nach den Pizzaschachteln. Zitternd klappte ich sie auf und starrte auf die durchgeweichte Pappe. Du bist widerlich. „Ich weiß“, flüsterte ich leise und versuchte die aufkommenden Tränen wegzublinzeln. „Aber sie ist zumindest noch verpackt. Und es ist kein Stehlen, wenn sie sie schon weggeschmissen haben.“ Du frisst aus einer Mülltonne wie ein wildes Tier. Da gibt es nichts schönzureden. Du bist abartig. Ich schloss die Augen, ließ die Schachteln auf den Boden fallen und verbarg mein Gesicht in den Händen. Es hörte nicht auf. Ich hatte das Gefühl keine Sekunde still sitzen zu können, die innere Anspannung fraß mich von innen her auf. Es waren fast körperliche Schmerzen und das machte mich verrückt. Ich wollte nur, dass es aufhörte. Ich kratzte heftig an meinem linken Arm. „Ach scheiß drauf“, brummte ich dann leise und ließ meinen Instinkten freien Lauf.

Die Pizza war kalt und machte ein schmatzendes Geräusch, als ich sie von dem durchweichten Boden abkratzte. Sie schmeckte widerlich, war zäh wie Gummi und klebte an meinem Gaumen. Und trotzdem verlor ich nach dem ersten Bissen die Kontrolle. Ich legte zwei Stücke übereinander, kaute nur dürftig und würgte sie herunter. Das nächste Stück rollte ich zusammen und schluckte es fast im Ganzen. Ich würgte und Spucke lief mir über das Kinn, ein halbgekauter Champignon fiel auf den Boden. Hätte ich in diesem Moment noch einen einzigen klaren Gedanken fassen können, hätte ich vermutlich aufgehört, aber so stopfte ich weiter kalte, pappige Pizza in mich herein, weit über das Sättigungsgefühl hinaus. Selbst als mir schon längst übel war, konnte ich nicht aufhören, es ging einfach nicht. Ich war noch nicht fertig, die Unruhe war immer noch zu spüren, wenn auch schon deutlich schwächer. Aber ich wollte sie ganz weg haben, wollte mich wieder normal fühlen, auch wenn ich wusste, dass ich gerade jetzt weiter denn je von „normal“ entfernt war.

Irgendwann waren die Schachteln leer, selbst die angebissenen Stücke hatte ich nicht liegen lassen können. Ich würgte erneut und stopfte die mittlerweile vollgetropften Pappschachteln zurück in den Mülleimer. Zittrig hievte ich mich auf die Beine, holte mir einen Lappen und wischte mir ungelenk das Gesicht ab. Danach begann ich den Boden zu schrubben, entfernte jede noch so winzige Spur, die mich hätte verraten können. Ich schrubbte und schrubbte, bis meine Hände sich wund anfühlten und ich sicher sein konnte, dass alles sauber, rein und perfekt war. Zittrig ließ ich mich auf den Boden fallen. Mein Bauch tat unbeschreiblich weh, schien meine Hose fast zu sprengen. Ich konnte nicht einmal den Knopf öffnen, so gespannt war der Stoff. Ich stöhnte. Was hatte ich getan? Ich stolperte zur Spüle, holte mir ein Glas und füllte es mit Wasser. Was hatte ich nur getan? Zittrig holte ich das Salz aus dem Schrank und kippte einen ordentlichen Schuss in das Glas und schwenkte es, sodass sich beides miteinander vermischte. Mit geschlossenen Augen nahm ich einen großen Schluck und gurgelte, spuckte das Gemisch in die Spüle und wartete. Nichts. Ich wiederholte die Prozedur. Nichts. Ich fluchte, zögerte und trank dann das ganze Glas aus. Mein Magen rebellierte und ich würgte, aber mehr geschah nicht. Ich wusste, ich musste Wasser nachtrinken, ansonsten würde mein Körper austrocknen. Ich trank ein Glas auf ex. Noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Warmes Wasser war gut, es machte es leichter...

Ich würgte erneut. Mir war schlecht. Ich musste an die frische Luft und zwar schnell. Ich stolperte in den Flur, stieß mir schmerzhaft die Schulter am Türrahmen und riss dann die Haustür auf, sog gierig die Luft ein. Gott, mir war so schlecht. Mit zittrigen Knien machte ich ein paar Schritte nach vorne und versuchte die Schwindelgefühle wegzuatmen. Es funktionierte, die schwarzen, tanzenden Flecken vor meinen Augen verschwanden für eine Weile und ich schaffte es irgendwie auf die Straße zu kommen, bevor mir die Beine wegknickten und ich unsanft auf dem Boden aufschlug. Ich stöhnte und versuchte aufzustehen, verlor aber erneut das Gleichgewicht und musste mich mit den Händen abstützen. So verharrte ich in der Hocke, den Körper etwas zu weit nach vorne gebeugt, sodass meine Knie schmerzhaft in meinen Bauch drückten. Mein Magen krampfte, ich beugte mich noch etwas weiter nach vorne und dann lief es ganz von selbst: Ich würgte erneut, mein Magen rebellierte und ich erbrach mich. Der erste Schwall dauerte keine drei Sekunden, aber ich hatte keine Zeit mich zu erholen, denn der nächste Schwall folgte sofort. Ich fiel auf die Knie, versuchte meine Haare aus meinem Gesicht zu halten und würgte weiter. Es tat weh, mein Hals brannte wie Feuer und zweimal blieb mir ein Brocken in der Kehle stecken. Ich würgte und hustete und schaffte es irgendwie jedes Mal gerade noch rechtzeitig wieder Luft zu kriegen. Das hatte ich nun davon, dass ich mir nicht die Zeit genommen hatte zu kauen. Ich übergab mich erneut, es schien nicht aufhören zu wollen. Völlig entkräftet fiel ich nach vorne, versuchte mich abzufangen und landete mit der rechten Hand in meinem Erbrochenen. Ich wagte nicht hinzusehen. Was war nur mit mir passiert? Wie hatte ich dermaßen die Kontrolle verlieren können?

Ich fühlte mich schwach, mir war schwindelig und als ich mich ein letztes Mal erbrach und nur noch Galle spuckte, hätte ich fast gelacht. Es war vorbei. Mein Bauch hatte aufgehört zu schmerzen, die quälende Unruhe war verschwunden und ich fühlte mich lächerlich leicht und übermütig. Ich kicherte, wischte mir den Mund ab, säuberte meine Hand am Gras und kam wieder auf die Beine. Mir war zwar immer noch etwas schwindelig und meine Beine fühlten sich an wie Pudding, aber das waren nur die Nebenwirkungen der Xanax, das würde bald vorbei sein. Das Hochgefühl nahm zu. Es war wunderbar keine Schmerzen zu haben, nicht mehr zu leiden. Ich fühlte mich so leichtfüßig und frei, ich hatte die Unruhe besiegt und mein Körper hatte mir geholfen meine Schmerzen zu beseitigen, wir hatten Hand in Hand zusammengearbeitet! Es war bombastisch... Ich fühlte mich so leicht und mit einem Mal hatte ich das Bedürfnis zu laufen. Und ich tat es.

Zwar war ich immer noch etwas schwach auf den Beinen, aber trotzdem rannte ich so schnell wie nie. Ich war in den letzten Jahren eine geübte Läuferin geworden, ich joggte regelmäßig und phasenweise hatte ich sogar jeden Tag mehrere Stunden Sport getrieben. Meine Kondition war gut und auch wenn ich in letzter Zeit nicht besonders viel Kraft hatte und schnell ermüdete, glich meine enorme Selbstdisziplin das locker aus. Ich hielt durch. Ich setzte mir ein Ziel und erreichte es, nur so konnte ich jeden Tag mit einem guten Gefühl abschließen. Diesmal war es anders, ich hatte für die Zeit bei Bella keinen übermäßigen Sport eingeplant, es hätte auf sie sicher befremdlich gewirkt, dass ich so viel Bewegung für mein Wohlbefinden brauchte. Aber heute... heute lief ich nicht um mein Pensum zu erfüllen, ich lief aus Freude. Ich flog einfach so davon, ließ Straßen und Feldwege hinter mir, lief meinen Sorgen davon. Ich war einfach nur glücklich, unbeschwert, federleicht. Es war wunderbar.

Wie lange ich lief konnte ich später nicht mehr sagen. Ich stürzte ein paar Mal, bemerkte es aber kaum und stand immer wieder auf, lachte und schwebte weiter. Ich rannte und rannte, sprang über kleine Bäche und ließ mich irgendwann einfach auf einer Wiese fallen. Völlig unbeschwert starrte ich in den Himmel und meine Gedanken schweiften ab. Eigentlich lief doch alles perfekt. Jake war so zuckersüß wie eh und je, ich hatte meine Bella wieder und die Cullens schienen mich zu mögen... Ich hatte gute Chancen auf einen Neustart, auf ein einigermaßen normales Leben. Ich lächelte und drehte mich giggelnd auf die Seite. Das Leben konnte so schön sein... Es lief besser als ich es mir erträumt hatte. Ich musste nur endlich aufhören mich so anzustellen, sonst würde ich mir noch alles verderben.

Ich setzte mich ruckartig auf. Wie spät war es? Wie lange konnte ich gelaufen sein? Zwanzig Minuten, eine Stunde, zwei? Ich konnte es nicht einschätzen. Es war etwas bewölkt, aber nicht dunkel, also konnte es noch nicht Abend sein, oder? Andererseits hatten wir Frühling... Wie lange war es in Forks hell? Ich knirschte mit den Zähnen und stand auf. Meine Muskeln protestierten heftig. Ich hatte es übertrieben. Aber auf Befindlichkeiten konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen, Jake würde sich Sorgen machen, wenn ich nicht da war, wenn er zurückkam. Geschieht ihm recht, er hat dich schließlich auch einfach allein gelassen! „Woher soll er auch wissen, dass ich gleich Amok laufe wie der letzte Freak?“, knurrte ich und machte ein paar unsichere Schritte und sah mich um. Ich war definitiv irgendwo im Wald. Super, das Ding war ja auch nur riesig und es gab hier bestimmt ein paar Dutzend Lichtungen, woher sollte ich wissen auf welcher ich mich befand? Ich stampfte frustriert mit dem Fuß auf. Schön. Von wo bist du gekommen? Ich wusste es nicht. Schließlich beschloss ich einfach bergab zu gehen, das war weniger anstrengend und ich würde schon irgendwo wieder aus dem Wald rauskommen. Ich war keine Fremde, ich kannte mich in Forks und La Push relativ gut aus und Ben, Jake, Bella und ich hatten hier als Kinder auch einmal gezeltet. Ich musste etwa fünf oder sechs gewesen sein, meine Mom hatte mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus gelegen und um uns abzulenken hat Charlie uns auf eine Schatzsuche eingeladen. Ein Wochenende lang waren wir wandern gewesen, hatten Feen und Elfen gesucht, einen Schatz ausgebuddelt und stundenlang am Lagerfeuer gesessen und uns Geschichten erzählt.

Ich lächelte. Es war umwerfend gewesen, aber ich meinte mich zu erinnern, dass Charlie unheimlich erleichtert ausgesehen hatte, als er Ben, Jake und mich endlich bei Billy hatte absetzen können, sich rund um die Uhr um vier Kinder kümmern zu müssen war sicherlich nicht so lustig gewesen wie man vielleicht hätte meinen können. Ich seufzte. Damals war das Leben um einiges leichter gewesen. Langsam ging ich bergab und versuchte einen breiteren Trampelpfad oder ein anderes Zeichen, dass ich auf dem richtigen Weg war zu finden. Meine Muskeln zitterten unkontrollierbar und ich stürzte mehrmals, jap, ich hatte es definitiv übertrieben. Ein paar Minuten blieb ich sitzen und versuchte alte Kindheitserinnerungen heraufzubeschwören, denn wenn ich abgelenkt war, würde der Weg mir viel leichter fallen, das wusste ich. Aber die Erinnerungen an meine Mutter waren schwammig und auch an meinen Vater erinnerte ich mich nicht mehr wirklich. Ich hatte ihn kaum gekannt, war viel zu jung gewesen und um ehrlich zu sein bezweifelte ich, dass er ein ehrliches Interesse an mir und Ben gehabt hatte.

In diesem Moment knackte es irgendwo hinter mir und ich fuhr hoch und sah mich hektisch um. Es war nichts zu sehen, aber das hieß in diesem Teil des Waldes nicht viel. Die Bäume standen dicht an dicht, die Kronen waren voll, es fiel kaum Licht auf die Erde. Ich versuchte mich zu beruhigen, das Letzte was ich jetzt gebrauchen konnte war eine Panikattacke, denn dann würde ich hier vermutlich elendig an einem Herzinfarkt krepieren. „Hallo?“, fragte ich und versuchte selbstbewusst zu klingen, was mir kläglich misslang: Meine Stimme überschlug sich. Niemand antwortete. Ja was hast du denn erwartet? „Hallo, ich bin der verrückte Axtmörder und jage dich jetzt einmal durch den Wald, bevor ich dir genüsslich die Eingeweide durch die Nase ziehe!“? „Ach halt die Klappe“, murmelte ich missmutig, beruhigte mich aber ein wenig. Trotzdem ging ich so schnell wie möglich weiter, obwohl das hastige Aufstehen meinem eh schon angeschlagenen Kreislauf nicht besonders gefallen zu haben schien. Mir war schwindelig.

Es knackte erneut und mein Herzschlag beschleunigte sich. „Das ist nur ein Tier, nur ein Tier.“ Zitternd sah ich mich um. Da war nichts. Geh weiter. Ich versuchte es, aber meine Beine weigerten sich, sie waren stocksteif, so wie der Rest meines Körpers. Es knackte erneut und ich hätte jeden Eid geschworen, dass ich eben ein schweres Atmen gehört hatte. Ein Rascheln. Das Blut rauschte in meinen Ohren und ich sah mich hektisch nach einer Waffe um. Blätter, ein paar kleinere Äste... nichts Nützliches. Dein Handy. Mein... oh. Zittrig griff ich in meine Hosentasche. Blieb nur zu hoffen, dass ich Empfang hatte. Ich hatte Glück. Es tutete. Einmal, zweimal. „Sarah?“ „Jake!“, schrie ich völlig außer mir und dann passierten drei Sachen gleichzeitig: Jake redete auf mich ein, ich sah für eine Zehntelsekunde ein Gesicht in einer Baumkrone und meine innere Stimme schrie: LAUF!

Ich schrie, schmiss mich herum und rannte los. Adrenalin strömte durch meinen Körper und mein Überlebensinstinkt übernahm die Kontrolle. Alle Gedanken verschwanden aus meinem Kopf, nur ein einziger blieb: Ich würde ihn mich nicht kriegen lassen. Er würde mir nicht wehtun. Ich würde mich nicht zum Opfer machen lassen, nicht schon wieder. Er würde mich nicht kriegen. Nie wieder.

Mein Verfolger war direkt hinter mir, ich konnte ihn hören. Aber ich lief weiter, ich kämpfte, rannte um mein Leben. Dann passierte es: Ich merkte, dass meine Kräfte schwanden. Meine Lungen schmerzten, ich bekam kaum noch Luft, meine Muskeln krampften immer wieder und mir war schwindeliger denn je. Scheiß Xanax. Ich hielt noch zwei Minuten durch, dann gaben meine Beine nach und ich fiel unsanft auch den Waldboden. Ich kam sofort wieder hoch und rannte weiter, denn wenn ich etwas gelernt hatte, dann dass man immer wieder aufstehen musste, dass man nicht liegenbleiben durfte, dass man sonst umso schwerer verletzt wurde. Und das bezog sich nicht nur auf das Leben generell und auf alle Schwierigkeiten, die es einem so vor die Füße spuckte, sondern vor allem auf Gefahrensituationen. Er kommt. Und in diesem Moment rastete ich aus. Ich sah mich wieder in meinem alten Zuhause, blutend, am Boden, ihn über mir. Ich war nicht mehr im Wald, ich war da. Ich schmeckte das Blut, spürte meine gebrochenen Knochen, aber vor allem sah ich ihn. Ich versuchte wegzukriechen, aber ich hatte keine Chance. Er packte mich und zerrte mich hinter sich her. Ich weinte. Ich wollte ein liebes Mädchen sein und alles tun was er wollte, er sollte mir nur nicht mehr wehtun. Ich würde nie wieder weglaufen. Ich würde alles tun was er wollte, er sollte mir nur nicht mehr wehtun. Bitte nicht.

Irgendetwas Hartes traf mich am Kopf und ich stürzte. Ich versuchte aufzustehen, aber ich war zu schwach. Er war hier um mich zu holen. Ich gab auf und schloss die Augen. Etwas Kaltes legte sich um meinen Hals. Und dann kam die Dunkelheit und trug mich mit sich fort, weit weg an einen Ort, an dem es keine Angst und keine Schmerzen gab. Friedliche Ruhe überkam mich. Ich war sicher. Es war vorbei.


Zuletzt von LittleAngel am So Jan 22, 2012 11:44 am bearbeitet; insgesamt 4-mal bearbeitet
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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von Aiyana am Fr Okt 29, 2010 5:48 pm

Da bin ich wieder! WInke

Dieses Kapitel fand ich, für mich persönlich, bis jetzt am heftigsten, was jedoch nicht negativ gemeint ist. Jedoch wird aus diesem Grund das Review auch ein wenig kürzer als die Vorgänger. Die Unruhe, die aufkommende Panik und die gezielte und systematische Suche nach etwas, was Abhilfe schafft, hat mir selbst Tränen in die Augen steigen lassen und ich kann nicht all das, was ich dabei fühlte, in Worte fassen - ich weiß jedoch, dass du genau weißt, was in dem Moment in mir vorging.

Hope durchlebt hier ihre persönliche Hölle und man merkt immer mehr, wie ausgeprägt ihr Problem ist. Da ist die panische Angst, die Unruhe, die Selbstmanipulation, das Zwangsverhalten, welches ihr die Kontrolle nimmt und zugleich doch auch Linderung verspricht. Sie ist gebrochen, Menschen, die ihr helfen sollten, nutzten ihre Macht -nämlich, dass sie ihre Mauer ihnen gegenüber etwas runtergelassen hat- aus und verletzten sie bewusst, saugten ihr die Kraft aus und brachten sie an einen Punkt, an dem sie keine Hoffnung mehr hatte.
Man sieht jedoch auch, wie schnell sie sich selbst betrügt bzw wie sehr ihre Wahrnehmung durch ihr Leiden getrübt ist. Diese Beruhigung und Erleichterung, die sie nach der Fressattacke und nach dem Brechen empfindet ist für sie ein Hand in Hand zwischen Körper und ihr selbst, obwohl beides alles anderes als im Einklang ist. Sie greift nach noch so kleinen Strohhalmen die ihr ermöglichen, weiter zu kämpfen, nicht aufzugeben und dabei sind es oft nur solche, die ein neues Problem darstellen und keine Lösung sind. Es ist wie ein Kreislauf, der weder Anfang noch Ende hat, bei dem das Eine das Andere ablöst - solange, bis man wieder am Anfang ist. Auch die Sehnsucht nach jemandem, der ihr das Gefühl gibt, sicher zu sein, der ihr Vertrauen in sich selbst vermittelt und sie einfach nur hält, wird von Kapitel zu Kapitel deutlicher und ich bin sehr gespannt, wer dieser Jemand sein wird!

Auch, wenn dieses Kapitel mich mehr bewegt hat, als ich gedacht hätte -was, wie gesagt, nicht negativ gemeint ist, sondern vielmehr positiv, denn wäre all das nicht so real beschrieben, hätte ich nüchterner damit umgehen können- kann ich es kaum erwarten, bis du mir das Nächste präsentierst. Ganz besonders nach so einem Ende ist das Warten eine wahre Qual! Razz

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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von honeyblood am Mo Nov 01, 2010 11:39 pm

Ich hab's mir auch mal durchgelesen.. bin kein twilight-fan und finde, eine etwas detailliertere einführung der charaktere wäre wünschenswert.. ich möchte mir gerne vorstellen können, wie personen aussehen, sprechen, agieren.. irgendwie fehlt mir das ein wenig..

Ich muss dazu sagen, dass mich das thema einfach nicht besonders anspricht.. angstzustände, panikattacken etc sind mir nicht fremd, aber irgendwie.. find ich's ein wenig dröge, dem mädel permanent beim abwechselnden ausleben und zurückhalten ihrer angstzustände zuzuschauen. keine Ahnung
Wie gesagt, mir kommt das 'drumherum' (bisher) zu kurz..
ich würde mir mehr details wünschen, mehr infos über die anderen protagonisten, über die umgebung..
So wirkt das ganze ein wenig wie eine art.. psychologische charakterstudie.. was sicherlich nicht schlecht ist und gewiss auch seine anhänger findet. Wink

Den schreibstil an sich find ich ok, liest sich flüssig. Smile

Wie gesagt, insgesamt sicherlich nicht schlecht, mir fällt es nur schwer, einen einstieg zu finden.. keine Ahnung - ich denke, dass viele sich für die story begeistern können.. ich persönlich finde es bloß ein wenig anstrengend, wenn sich alles so auf das kaputte mädchen und ihre angst konzentriert.. ah, schwer zu erklären.. Laughing
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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von LittleAngel am Fr Nov 26, 2010 11:02 am

So, da bin ich wieder. Hui, zurzeit ist es wirklich turbulent. Ich habe das Gefühl, dass mir jede Sekunde der Kopf zerplatzt. Eine Buchreihe aus fünf Bänden, jeder mit eigenen Handlungssträngen und Charakterentwicklungen, dazu eine Reihe mit bis jetzt einem halb durchgeplanten Buch, dazu diese FF mit ihren zwei Fortsetzungen... Neun verschiedene Geschichten und für jede poppen immer wieder neue Ideen in meinem Kopf auf... Ich kann mich an keine richtig intensiv ransetzen, weil mich dann sofort eine andere wieder ablenkt. Es macht mich bekloppt^^ Jetzt weiß ich wie sich Alice mit ihren Visionen und Edward mit seiner "Gabe" fühlen müssen. Immer wieder Bilder und Gedanken, die einen einnehmen und von denen man keine Ahnung hat wo die jetzt schon wieder herkommen^^ Und man kanns nicht einfach abschalten sondern muss abwarten bis das alles nicht mehr ganz so intensiv ist und man sich um ein bestimmtes Projekt kümmern kann. Ich bin eine Ideenmaschine, furchtbar Very Happy

honeyblood: Was du über die Einführung sagst stimmt zum Teil, ich habe das aber bewusst so gemacht. Ich finde diese typischen "er hatte braune Haare, blaue Augen, war groß blabla" immer etwas gestellt und so habe ich mich dazu entschlossen abgesehen von Hope alle Charaktere nach und nach über die Kapitel verteilt vorzustellen, vor allem weil jeder, der die FF liest natürlich Twilight und damit die Charaktere schon kennt... und es gibt ja auch noch das Titelbild. Ich weiß aber trotzdem was du meinst und werde mich bemühen darauf mehr einzugehen Smile

An deinem anderen Kritikpunkt kann ich leider nichts ändern. Was heißt leider, das ist Quatsch^^ Das was dir da nicht so zuspricht ist nunmal der Hauptbestandteil der FF (deshalb ja auch die Warnung) und wenn ich das ändern würde, wäre die ganze FF sinnlos. Hmm... vielleicht fällt es dir mit der Zeit leichter dich auf Hope einzustellen, auch wenn dir das Thema selbst nicht bekannt ist Smile

Aiyana: Ja, diese Kapitel war das heftigste, definitiv. Es war wirklich schwer zu schreiben und hat mich sehr berührt und auch aus der Bahn geworfen. Ich weiß genau was du meinst und kann jedem, der Hope besser verstehen möchte nur empfehlen deine Reviews zu lesen, sie sind immer wahnsinnig treffend und manchmal frage ich mich echt ob ich schlafwandere und dir nachts all meine Hintergründe, Beweggründe und Ideen erzähle^^ Ich würde jetzt am liebsten zu jedem einzelnen Punkt nochmal ja sagen und dir bestätigen wie gut du bist und kreischend auf und ab hüpfen, weil ich genau das erreicht habe was ich wollte, aber ich weiß, dass du insgeheim nur auf das nächste Kapitel hoffst, du musstest ja auch lang genug warten^^ Wo bist du überhaupt, Igelschnäuzchen, du fehlst in letzter Zeit wirklich, Schnuffelpups! Very Happy

Noch eine kurze Anmerkung: Ich habe mich dazu entschlossen ab dem 1.12 wieder meine Adventskalenderff online zu stellen, die muss ich nur noch einmal überarbeiten und das werde ich zeitlich gesehen trotz allen anderen Projekten wohl schaffen. Vielleicht treffe ich ja den einen oder anderen dort wieder Wink Jetzt aber viel Spaß mit...





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Kapitel fünf





[size=12][color=black][font=Times New Roman]Hopes POV:

„Geht es ihr gut? Sie sieht blass aus!“
„Was erwartest du? Was denkst du wie du aussehen würdest, wenn du dir gerade die Seele aus dem Leib gekotzt und dich selbst k.o. geschlagen hättest?“
„Ich würde nicht anders aussehen als jetzt. Schon vergessen, wir sind immer blass!“
„Haha, Emmet. Du bist so lustig!“
„Ich weiß.“
„Leute!“
„Echt, du bist so ein Affe, kannst du nicht einmal ernst sein? Schließlich ist es deine Schuld, dass sie sich verletzt hat!“
„Was denn? Wer hat mich denn in den Wald geschickt? Woher sollte ich denn wissen, dass sie so austickt?!“
„Du hättest...“

Die Stimmen in meinem Kopf wurden unerträglich laut und ich stöhnte. „Sie wacht auf!“ „Hope? Hope, Liebes, kannst du mich hören?“ Etwas Kaltes legte sich an meinen Hals und ich verzog das Gesicht. Woran erinnerte mich das nur? „Ihr Puls ist wieder stärker, alles in Ordnung, sie kommt zu sich.“ Von wem redeten die Stimmen nur? Ich schlug die Augen auf und blinzelte. Wo war ich? „Wa...“ „Da bist du ja wieder, herzlich Willkommen zurück“, ertönte eine warme Stimme und Esmes Gesicht tauchte über mir auf. Verwirrt setzte ich mich auf, räusperte mich und zuckte zusammen. Aua. Was zum... „Trink erst mal einen Schluck, dein Hals muss ganz wund sein“, forderte Esme mich sanft auf, drückte mir ein Glas Wasser in die Hand und rieb mir beruhigend über den Rücken. „Hast du Schmerzen, Liebes?“ Ich schüttelte nur den Kopf und trank das Glas in einem Zug aus. Die Kälte tat gut und linderte das Brennen. Ich lächelte verlegen und warf Esme einen dankbaren Blick zu. Erst dann fiel mir auf, dass ich mich bei den Cullens im Wohnzimmer befand und peinlicherweise von allen Seiten angestarrt wurde. „Hi Leute“, murmelte ich, winkte unsicher und errötete. Jasper und Esme lächelten mich ruhig an, während Bella etwas aufgelöst wirkte und offenbar von Edward getröstet werden musste. Rosalie zeigte keinerlei Emotion, ließ mich allerdings nicht aus den Augen und Emmet warf mir ein schiefes Grinsen zu, senkte dann allerdings schnell den Blick. Er wirkte merkwürdig schuldbewusst.

In diesem Moment quietschte eine Tür und Alice kam in den Raum gestürzt, Carlisle energisch hinter sich herziehend. Ihr Vater lachte amüsiert und schüttelte das aufgekratzte Mädchen dann ab. „Ist gut jetzt, Alice!“ Sie verschränkte schmollend die Arme vor der Brust. „Du hast gesagt, wir sollen dich holen, wenn sie wach ist und das hab ich getan.“ „Ich habe dich aber nicht gebeten, mich von meinen Studien wegzuzerren, du hättest auch noch eine Minute warten können“, schalt er sie mit einem milden Lächeln, machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte sich mir zu. „Wie geht es dir, Hope?“ „Gut“, antwortete ich automatisch und er hob eine Augenbraue. Ich horchte in mich hinein. „Mein Hals brennt und mein Kopf tut irgendwie weh“, gab ich schließlich zu und senkte den Kopf. „Nun, das ist kein Wunder. Alice hat uns erzählt, dass du dich ziemlich heftig übergeben musstest.“ Ich zuckte zusammen. Woher... „Alice“, summte Rosalie in diesem Moment mit einem merkwürdig steifen Lächeln. „Willst du Hope nicht erzählen, woher du das weißt?!“ „Oh, jaaaaah“, machte Alice und strich sich über die abstehenden Haare. „Weißt du... ich wollte shoppen gehen, ja genau und da bin ich zufällig an dir vorbeigefahren. Aber ich habe natürlich nicht angehalten, ich dachte das wäre dir vielleicht peinlich.“ „Shoppen? In La Push?“, fragte ich skeptisch und ihre Gesichtszüge entglitten für einen Moment. „Jaaaah. Genau. Weißt du... ich wollte mir neue Wildlederschuhe kaufen und dachte mir, ich guck sie mir einfach noch mal vorher in der freien Natur an und gucke, was am besten zu meinem Teint passt.“ Sie sah sich Beifall heischend um. Komisches Mädchen.

„Wie auch immer“, fuhr Carlisle in scharfem Ton dazwischen und ich zuckte zusammen. „Wie wäre es wenn wir in mein Büro gehen, damit ich dir ein paar Fragen stellen und dich kurz untersuchen kann?“ Ich machte mich steif. Keine Chance. Auf keinen Fall würde ich alleine mit einem fremden Mann in einem Raum sein und mich anfassen lassen. No way. „Das... das ist nicht nötig“, antwortete ich schnell. „Ich meine, ich muss Bella später sowieso alles haarklein erzählen, also kann sie auch gleich dabei bleiben.“ Gut gerettet. „In Ordnung, dann würde ich sagen...“ „Ach komm, es gibt doch sowieso nichts das in diesem Haus vor sich geht, was wir nicht erfahren“, maulte Alice und ich blinzelte verwirrt. „Aber...“ „Hope hat nichts dagegen.“ „Wogegen?“, fragte ich zaghaft und Edward warf Alice einen tödlichen Blick zu. „Alice möchte gerne bleiben und zuhören.“ Mann, diese Familie war zu schnell für mich. „Sicher“, sagte ich schließlich und kratzte mich an der Stirn, was ich augenblicklich bereute. Wo kam diese Beule her? „Ihr könnt ruhig bleiben, das macht mir nichts.“ Gut gemacht! Jetzt bleib so, tu als wärst du ganz ruhig und hättest keine Ahnung was passiert ist. Er wird dich vor seinen Kindern nicht zu sehr ausfragen wollen, es wird ganz leicht werden.

„In Ordnung... Hope, hast du dich heute irgendwie schwach gefühlt? Hast du etwas Besonderes gegessen, war dir schlecht oder besonders warm?“ „Nein.“ Er wird weiter nachfragen, wenn er keinen logischen Grund für dein Erbrechen sieht. „Das heißt... doch. Ich war ziemlich müde heute und bin bei Jake eingeschlafen und als ich aufgewacht bin war mir irgendwie etwas schlecht und schwindelig.“ Carlisle nickte, nahm von Esme Schreibblock und Kuli entgegen und schrieb etwas auf. „Irgendwelche Allergien?“ „Nein.“ Idiotin. „Keine richtigen Allergien, ich krieg nur bei manchen Lebensmitteln Bauchschmerzen, wenn ich sie länger nicht gegessen habe. Aber davon hatte ich in den letzten Tagen nichts.“ „Gut. Irgendwelche Medikamente, die Wechselwirkungen ausgelöst haben könnten?“ „Fluoxetin und Xanax.“ Er hob den Kopf, wirkte überrascht. „Wurden mir beide ordnungsgemäß verschrieben. Das Fluoxetin nehme ich nur phasenweise, sollte ich morgens nicht mehr aus dem Bett kommen.“ Ich starrte auf meine Hände, wagte es nicht aufzuschauen, zu groß war die Angst vor der Reaktion der anderen. Vor allem Bella machte mir Sorgen. „Aber ich hab es seit einer Weile nicht mehr genommen, es geht jetzt ohne“, fügte ich kläglich hinzu. „Verstehe. Und wie sieht es mit dem Xanax aus? Du weißt hoffentlich, dass angstlösende Mittel schnell abhängig machen können.“ „Natürlich. Ich nehme es nur in Notfällen.“ Die in letzter Zeit viel zu häufig vorkommen. Schwächling. „Heute auch?“ „Ja.“ Von der zweiten Tablette brauchte er ja nichts zu wissen. „Ich war etwas aufgewühlt. Das ähm... das habt ihr ja heute Morgen gemerkt.“ Ich riskierte einen kurzen Blick und entspannte mich. Niemand sah mich schockiert an, niemand schüttelte angeekelt den Kopf, niemand schien mich für einen Freak zu halten, der nur noch unter Medikamenteneinfluss funktionierte. Einzig und allein Bella sah erschrocken aus.

„Drogen?“ Ich lächelte ruhig. „Nein Sir, nur Koffein.“ „Braves Mädchen“, machte Emmet und ich lachte und entspannte mich noch weiter. „Alkohol?“ „Nein, ich stehe nicht sonderlich darauf die Kontrolle zu verlieren“, sagte ich wahrheitsgemäß und Carlisle nickte zufrieden. „Sehr gut. Gibt es irgendwelche Herzkrankheiten in deiner Familie?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nicht dass ich wüsste, aber ich kann später gerne Charlie fragen“, bot ich an und meine innere Stimme klopfte mir stolz auf die Schultern. Sehr gut, du schlägst dich klasse! „Alice, würdest du...?“ „Na klar“, antwortete sie, hüpfte fröhlich aus dem Raum und kam keine dreißig Sekunden später mit einer schwarzen Tasche zurück. Carlisle nickte ihr kurz zu, stand auf und kam zu mir herüber. Mein Herz pochte automatisch schneller und als hätte er das gespürt, stockte er und sah mich nachdenklich an. „Keine Sorge, ich habe darin keine Spritzen oder so“, lächelte er und holte ein Thermometer hervor. „Ich möchte nur deine Temperatur, deinen Puls und deinen Blutdruck messen und dir noch zwei, drei Fragen stellen, dann sind wir auch schon fertig.“ Ich nickte und konzentrierte mich auf meinen Atem. Er wollte mir nur helfen und dazu musste er mich eben anfassen. Das war keine große Sache. Alles war gut.

Carlisle schien meine Unruhe zu spüren und steckte mir mit flinken Fingern das Thermometer ins Ohr, während er mit der anderen Hand nach meinem Puls tastete. Die kühlen Finger an meinem Hals erinnerten mich an irgendwas, aber ich bekam das Gefühl nicht zu fassen, es war zu schwammig. „Isst du regelmäßig?“ Ich zuckte zusammen, hatte mich aber sofort wieder unter Kontrolle und atmete betont gleichmäßig. „Ja.“ Schlechte Antwort. „Aber in den letzten Tagen nicht, durch den Umzug war alles so stressig und Bella, Charlie, Jake und Billy wiederzusehen hat mir ein wenig auf den Magen geschlagen, deswegen hatte ich nicht so wirklich Appetit.“ „Verstehe“, murmelte Carlisle und ließ meinen Hals los. „Dein Puls ist etwas zu langsam, aber das ist noch im Rahmen.“ Er griff nach einer Manschette, legte sie mir um und fing an zu pumpen. Ich verzog das Gesicht. Es tat weh. „Was hast du heute gegessen?“ Mein Herz begann erneut zu rasen und ich war froh, dass er meinen Puls bereits gemessen hatte, ansonsten hätte er meine Reaktion sicherlich bemerkt. „Ähm...“ Ich überlegte angestrengt. „Frühstück heute Morgen mit Bella. Oh und Pizza mit Jake.“ „Wie viel?“, fragte Carlisle und ließ die Luft aus der Manschette. „Etwa eineinhalb Pizzen schätze ich“, murmelte ich, wurde rot und senkte beschämt den Kopf. Edwards Vater allerdings wirkte erleichtert. „Guter Esser, was?“, fragte er und zwinkerte mir zu. Ich antwortete nicht und glücklicherweise piepte in diesem Moment das Thermometer, sodass ich Zeit hatte die Tränen wegzublinzeln. „Nun, dein Blutdruck ist auch gerade noch in Ordnung, aber deine Temperatur macht mir Sorgen. 35,6 und es ist bereits Abend.“ Er sah mich nachdenklich an. „Allerdings habe ich gehört, dass ein paar Prozent der Weltbevölkerung ein Leben lang mit einer geringen Untertemperatur leben und keinerlei Probleme haben. Ist das bei dir der Fall?“ Vorsicht. „Ich weiß nicht, aber bis jetzt hat mich noch kein Arzt darauf angesprochen, also schätze ich, dass da vielleicht was in meiner Krankenakte steht oder so“, antwortete ich und zuckte betont gleichgültig mit den Schultern.

„In Ordnung. Würdest du mir dann bitte noch deine Größe und dein Gewicht sagen?“ Lenk ihn ab. „Ich weiß es nicht, das letzte Mal wurde ich vor einem Jahr oder so beim Hausarzt gewogen und gemessen, da waren es glaube ich so 52 Kilo bei 1,55.“ Es waren 49 Kilo und 1,59. „Wiegst du dich nicht regelmäßig?“ Carlisle wirkte deutlich überrascht. Ich schüttelte den Kopf. Nein, nur morgens, abends und manchmal nach dem Essen. „Es nervt wegen zweihundert Gramm mehr den ganzen Tag schlechte Laune zu haben.“ Das stimmte, aber trotzdem brauchte ich die Kontrolle. Es interessierte mich nicht ob ich dick oder dünn war, vermutlich hätten mich hundert Kilo mehr meinem Wunsch keinem Mann aufzufallen sogar näher gebracht. Nein, es beruhigte mich, wenn ich sah, dass sich mein Gewicht nicht verändert hatte, so wie es mich beruhigte jeden Abend dasselbe Waschritual durchzuführen und noch einmal durch die Wohnung zu gehen, um Fenster und Türen zu überprüfen. Viele Dinge lagen außerhalb meiner Reichweite, ich hatte keine Chance sie zu beeinflussen, umso mehr beruhigten mich die Stabilitäten, die ich mir selbst eingebaut hatte. Auch das war ein Tipp von Jess gewesen, auch wenn er sich vermutlich andere Rituale für mich gewünscht hätte. Aber es half und das war die Hauptsache, oder nicht?

Meine innere Stimme unterbrach mich. Sieh doch wie er dich anguckt. Er überlegt, ob er dich wiegen sollte! Lenk ihn ab, lass nicht zu, dass dein Leben wieder durcheinandergewirbelt wird! „Ähm, ich habe eine Frage“, sagte ich leise und strich mir eine meiner langen, braunen Haarsträhnen hinter das Ohr. „Wie bin ich hier hergekommen?“ Ein paar Sekunden herrschte Stille, bevor Jasper schließlich seine Stimme erhob. „Du hast versucht Bella zu erreichen, erinnerst du dich? Als Alice uns dann erzählte wie krank du ausgesehen hast, begannen wir uns Sorgen zu machen und Emmet ist dich suchen gegangen.“ „Woher wusstet ihr wo ich war?“, fragte ich und legte die Stirn in Falten. „Ähm“, machte Bella und begann Edwards Hand durchzukneten. „Alice hat so ein Ortungsding für Handys.“ „Oh.“ Das machte Sinn. „OH!“ Ich sprang auf und zuckte zusammen. Meine Beine... Selbst schuld, du musst es ja auch immer übertreiben. „Mensch Emmet, hast du dann vielleicht auch den Kerl gesehen, der mich verfolgt hat?“ Aus den Augenwinkeln nahm ich mehrere Bewegungen wahr und als ich den Kopf drehte sah ich, dass sich alle Cullens samt Bella in Emmets Richtung gedreht hatten und ihn mit merkwürdig vorwurfsvollen Blicken traktierten. Er fuhr sich verlegen durch das kurze, schwarze Haar. „Also technisch gesehen...“ „EMMET!“, zischte Alice. „Du hast ihr eine Heidenangst gemacht, du Vollidiot!“ Häh?

Emmet lächelte schief. „Na ja, ich habe dich gesucht und als ich dich dann endlich gefunden hatte, fielst du gerade hin. Ich wusste nicht genau was ich sagen sollte, also hab ich mich an einen Baum gelehnt und kurz überlegt, aber dann bist du auf einmal aufgesprungen... Du hast so ängstlich gewirkt und da konnte ich jawohl kaum aus dem Gebüsch hervorkommen und sagen „Hallo, erschreck dich nicht, ich bin kein Stalker oder so.“ Also hab ich überlegt, dass es vielleicht am besten wäre, wenn ich dir in sicherem Abstand folge und dafür sorge, dass du heil nach Hause kommst. Und dann hast du auf einmal geschrien und bist weggelaufen, ich wusste gar nicht was los war und bin dir natürlich hinterher. Und dann bist du auf einmal einfach so gegen einen Baum gerannt.“ Seine Mundwinkel zuckten. „Du hast dich selbst k.o geschlagen.“ „Das ist nicht lustig, Emmet!“, fauchte Alice. „Du hast sie zu Tode erschreckt, sie hätte sich ernsthaft verletzen können!“ Bevor sie anfangen konnten zu streiten, hob ich eine Hand. „Da war irgendetwas Kaltes an meinem Hals.“ „Öh“, machte Emmet. „Das war dann wohl ich. Ich bin... manchmal eine kleine Frostbeule, weißt du? Schätze das scheint bei uns in der Familie zu liegen.“ Er grinste breit. Aus irgendeinem Grund schien er das wahnsinnig komisch zu finden.

„Er hat deinen Puls gefühlt, um zu sehen ob du okay bist“, mischte sich Edward ruhig ein. „Du warst stark dehydriert, wir haben uns wirklich Sorgen gemacht.“ Das kommt davon, wenn man so dämlich ist Salzwasser zu schlucken! Jetzt sieh mal zu wie du da wieder rauskommst! „Oh. Ja, ja, ich habe etwas Probleme mit dem Trinken, ich vergesse es ständig.“ Es stimmte. „Wahrscheinlich waren das, die Xanaxtablette, der Stress und die komische Pizza einfach zu viel und da hat mein Körper gestreikt, bestimmt war mir deswegen so schlecht und schwindelig.“ Du lernst dazu. Ich war nicht stolz darauf, aber ich wusste, dass es nötig war. Ich wollte nicht, dass sie in meiner Vergangenheit und meiner Seele herumstocherten. Ich kam klar, ich war in Ordnung. Ich hatte einen Weg gefunden zu existieren und ich war zufrieden. Ich wollte nicht, dass jemand versuchte das zu ändern. Es ging mir gut.

Ich spürte, dass Carlisle mich musterte. Ich hasste Ärzte. Klar, sie waren ganz hilfreich wenn es darum ging Medikamente zu bekommen, aber ansonsten empfand ich sie doch eher als hinderlich. Sie bildeten sich sonst was auf ihren Titel ein und meinten alles besser zu wissen, behandelten mich wie eine Geisteskranke, die nicht wusste was richtig oder falsch war. Die wenigsten hatten jemals wirklich mit psychischen Erkrankungen zu tun, zumindest nicht in der Praxis, bildeten sich aber doch ein die ultimative Lösung zu kennen. Dinge die sich jahrelang als hilfreich erwiesen hatten wurden für nichtig erklärt, weil sie nicht in Büchern standen. Ich hatte durch den Schutz von Jess noch relativ viel Glück gehabt, aber selbst mir hatte man das eine oder andere Mal gesagt, dass ich mich nur nicht genug bemühte, dass es psychische Krankheiten eigentlich gar nicht gäbe, dass das nur etwas mit Disziplin zu tun habe und ich ja offensichtlich kein normales Leben führen wolle... „Sie müssen nur wollen“ schien generell der Lieblingssatz der Allgemeinmediziner zu sein, das hörte ich auch immer wieder von meinen Leidensgenossinnen.

Ich erinnerte mich an ein Mädchen aus einer meiner ersten WG-Gruppen. Sie war etwa dreizehn gewesen, etwas jünger als ich. Der Vater hatte die Familie früh verlassen, die Mutter war Alkoholikerin und so hatte sie sich um den Haushalt und ihren kleinen Bruder gekümmert. Irgendwann, viel zu spät, hatte das Jugendamt eingegriffen, aber anstatt es erst mal auf eine andere Weise zu probieren, hatte man Lucy aus ihrer Familie gerissen, in eine fremde Stadt gebracht und mit fünf Fremden in eine Wohnung gesperrt. Sie war ein armes, zerbrechliches kleines Ding gewesen, hatte ständig nur von ihrem kleinen Bruder und ihrer Mutter gesprochen. Es hatte sie kaputt gemacht, dass sie sich nicht mehr um sie kümmern konnte. Sie hatte Angst gehabt, dass den beiden etwas passieren würde, dass ihre Mutter starb, man ihren Bruder wegbrachte oder er vielleicht auch einfach nur einsam war. Sie hatte viel geweint und war immer trauriger geworden. Sie war immer weiter in eine depressive Episode hineingeschlittert, hatte nur noch im Bett gelegen, sich nicht mehr angezogen oder geduscht und hatte kaum noch gegessen. An schlimmen Tagen hatte sie sich sogar geweigert etwas zu trinken oder zur Toilette zu gehen.

Ich hatte versucht ihr zu helfen, schließlich kannte ich die Symptome von mir selbst, aber ich war gerade erst vierzehn gewesen und hatte nicht viel ausrichten können. Unsere Betreuer hatten sie in Ruhe gelassen, solange sie uns nicht störte und zu den Gruppensitzungen erschien. Es sei nur eine Phase, das würde sich von alleine wieder legen. Das war aber nicht passiert und so hatten sie dafür gesorgt, dass sie von einem Arzt untersucht wurde. Natürlich hatte er festgestellt, dass sie leicht untergewichtig war und ihrem Körper wichtige Nährstoffe fehlten und unsere Betreuer -jetzt definitiv übereifrig, nachdem sie Lucys Problemen so lange nicht genug Tragweite zugestanden hatten- hatten auch gleich von ihrem schnellen Gewichtsverlust und der Nahrungsverweigerung berichtet. Ein Gespräch hatte man mit ihr nicht geführt, die Worte der Betreuer waren offenbar ausreichend gewesen. Man hatte sie eingewiesen und zwölf Wochen lang gezwungen sich dreimal die Woche öffentlich zu wiegen, sich vor allen halbnackt auszuziehen, sich vermessen zu lassen. Aß sie zu viel oder zu wenig bestrafte man sie, nahm sie zu schnell oder zu langsam zu, wurde sie von ihren Mitpatienten ausgeschlossen. Sie hatte die Klinik als kleines, verstörtes Mädchen betreten, dem man den Grund morgens aufzustehen genommen hatte. Sie war als gebrochene Erwachsene entlassen worden, die sich nur noch über Essen definieren konnte. Und natürlich war es alles ihre Schuld gewesen, weil sie nicht gut genug mitgearbeitet hatte. Sie hatte ja ganz offensichtlich nicht gesund werden wollen, also hatte sie gehen müssen. Manchmal fragte ich mich, was wohl aus ihr geworden war, ob sie noch lebte. Ich bezweifelte es.

Wie gesagt, ich mochte keine Ärzte, sie beschränkten sich meiner Meinung nach viel zu sehr auf das Äußere, das hatte ich oft genug erlebt: War ich geschminkt und lächelte, tat sich mein Arzt schwer mir meine Medikamente zu verschreiben, kam ich ungeschminkt daher und zwang mir keine fröhliche Maske auf, wollte er mich am liebsten gleich einweisen. Hielt ich mein Gewicht mehr oder weniger, wurde ich fast schon unhöflich gefragt, was ich denn wolle, nahm ich auch nur geringfügig ab, bekam ich nur Vorwürfe zu hören und mir wurde mal wieder Astronautenkost verschrieben. Was ich sagte war unwichtig, vermutlich nahm er mich sowieso nicht wirklich ernst, ich war schließlich krank, also konnte ich nicht die Entscheidungen treffen, die „normale“ Menschen ohne weiteres treffen durften, ohne dass eingegriffen wurde.

Bei Carlisle dagegen war es anders. Er schien nett zu sein und auch wenn ich ihn praktisch erst einen Tag kannte, war da etwas in seinem Blick... Ich konnte es nicht beschreiben, es war eher ein Gefühl. Und meiner Menschenkenntnis konnte ich im Allgemeinen sehr gut vertrauen. Außerdem redete er ganz normal mit mir, fragte nicht Bella über mich aus oder behandelte mich als wäre ich nicht da, bei ihm fühlte ich mich nicht entmündigt sondern ernst genommen. Er war nett und schien mehr Verständnis als die Allgemeinmediziner, die ich bis jetzt kennengelernt hatte für seine Patienten aufbringen zu können. Trotz allem war er aber immer noch ein Arzt und sobald er sah, dass mein Gewicht laut BMI nicht mehr im Normalbereich lag, würde er automatisch weitere Probleme vermuten und mich anders behandeln. Und ich war meine kläglichen Versuche zu erklären, dass mein Gewicht nicht das Problem sondern lediglich ein Symptom war leid.

Von daher war ich froh, dass ich wie immer etwas weitere Klamotten trug und so zwar zierlich, aber nicht zu dünn (was ich auch definitiv nicht war, aber wie gesagt, Ärzte hatten da einen anderen Blick auf die Dinge) aussah. Ich war nicht scharf darauf, dass mir erneut jemand sagte, was ich zu tun hatte, davon hatte ich in den letzten siebzehn Jahren mehr als genug gehabt. Ich hasste es zu lügen, aber ich war definitiv bereit dazu, um mich vor weiteren Übergriffen auf meine eh schon angeknackste Seele zu schützen. Mein Körper- meine Regeln, das bezog sich verdammt noch mal auch auf meine Psyche und mein Leben. Ich war es leid, dass die Leute meinten mir vorschreiben zu können, wie ich meinen Alltag zu bewältigen hatte. Ich war es leid, dass sie mir sagten was falsch und richtig für mich war, ohne sich auch nur annähernd mit mir zu beschäftigen. Und ich war es verdammt noch mal leid, dass man mir sagte, dass ich nur genug wollen müsse, dann würde sich alles von alleine regeln. Wie hatte Ben früher immer gesagt: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!

Mein Blick wurde traurig und ich schüttelte energisch den Kopf, wollte jetzt nicht daran denken, wollte eigentlich nie wieder daran denken. Ich schob es weg, sperrte die Gefühle tief in mir ein und setzte meine fröhliche Maske auf. Ich hatte sie über die Jahre perfektioniert. „Und, was stellen wir jetzt noch an?“ „Wir sollten auf jeden Fall Dad und Billy anrufen... und Jake natürlich. Sie waren ganz außer sich vor Sorge um dich!“, sagte Bella und wirkte etwas peinlich berührt, weil sie erst jetzt daran dachte. „Ja, richtig“, murmelte ich. Super, das würde lustig werden... Was sollte ich ihnen nur sagen? „Ach, ich hab nur wie ein Schwein Müll gefressen und bin dann komplett ausgerastet, aber hey, kein Grund zur Sorge!“? Wohl kaum... Ich verzog das Gesicht, woraufhin mir Jasper einen warmen Blick zuwarf. Hmm. Als hätte er gespürt wie unwohl ich mich bei dem Gedanken an die Erklärung, die ich meiner Familie noch schuldete fühlte. Mann, ich mochte diesen Kerl!

Ich grinste und rubbelte nervös über mein Handgelenk. Erst dann bemerkte ich, dass Edward mich anstarrte. Seinem konzentrierten Blick nach zu urteilen tat er das schon eine Weile und was er sah, schien ihm nicht zu gefallen. Es war als versuchte er in mich hineinzugucken und scheiterte dabei an meiner Maske. Aber das kannte ich schon, Nachbarn, Ärzte, Therapeuten, Teenager- sie alle hatten schon versucht mich zu durchschauen, aber ich beherrschte das Spiel perfekt. Niemandem gelang es hinter meine Fassade zu gelangen und meine wahren Gefühle zu ergründen. Ich wollte es nicht, also passierte es nicht. Ich hasste es verletzbar zu sein, also setzte ich meine Maske auf sobald es nötig wurde. War ich traurig, überspielte ich es mit Humor, Lachen und wilden Erzählungen. Wurde es schlimmer, reagierte ich patzig und abweisend, kalt, in der Hoffnung, dass man mich bald in Ruhe lassen würde. Außerdem fühlte sich Wut so viel stärker an als Traurigkeit und Schmerz und das machte es leichter die Gefühle wegzudrängen und zu übertünchen. Irgendwann hatte sich die Maske verselbstständigt und mittlerweile reagierte mein Körper ganz automatisch mit seinen Schutzschilden. Ich lachte und redete oft, wenn es gar nicht angebracht war. Ich verwirrte die Menschen ohne es zu merken. Mittlerweile wusste ich oft gar nicht mehr, welches Gefühl in der jeweiligen Situation jetzt „normal“ oder angebracht gewesen wäre. Stattdessen saß ich da und starrte ins Leere, fühlte nichts. Ich sagte immer, dass ich froh darüber war, dass es leichter war nichts zu fühlen, dass es nicht so anstrengend war und das empfand ich auch so, aber tief in mir drin wusste ich doch, dass diese enormen Mauern, die ich aufgebaut hatte eigentlich nicht gut für mich sein konnten.

Ich seufzte und spürte erneut die fragenden Blicke auf mir. Ich seufzte oft in letzter Zeit, etwas was ich nicht kontrollieren konnte und das nervte mich gewaltig. Es verriet mich, geschah ganz automatisch und wenn man dann nachfragte, konnte ich nicht erklären, warum ich jetzt aufgeseufzt hatte. Zum Glück fragten die meisten Menschen nicht, sie interessierten sich nicht auf diese intime Weise für mich, eine oberflächliche Antwort genügte ihnen und war auch das, was sie von mir erwarteten. Alles andere hätte sie überfordert.

Bei den Cullens war es anders, sie schienen jede noch so winzige Reaktion von mir zu registrieren. Ich fürchtete fast, dass mich das noch ganz schön in Schwierigkeiten bringen würde. Zumindest würde es mein Leben nicht gerade vereinfachen. Oder vielleicht doch? Ich schüttelte den Kopf. Ich dachte zu viel. Scheiß Krankheiten. Scheiß Psychowrack.

„Vielleicht wäre es doch ganz gut, wenn wir Charlie über den Vorfall informieren“, sagte Carlisle in diesem Moment und ich hielt automatisch die Luft an. Oh scheiße. „Du bist noch nicht volljährig und er ist jetzt verantwortlich für dich, wenn auch nicht auf dem Papier. Und er ist dein Onkel, er sollte wissen, dass es dir heute nicht gut ging.“ „Dann können wirs ja auch gleich noch Billy erzählen, der ist schließlich mein Pate“, antwortete ich trocken und Carlisle lächelte begeistert. „Das ist eine sehr gute Idee, Hope.“ Meine Gesichtszüge entglitten. Mann, du bist echt dämlich. Super gemacht, ganz großes Kino! Ich presste mir zwei Finger gegen die Schläfen, meine Beule pochte und mein Kopf tat weh, was ich aber eher auf den Stress zurückführte, ich reagierte oft psychosomatisch. Dann allerdings bekam ich Schützenhilfe von unerwarteter Seite. „Carlisle“, sagte Alice leise. „Das ist nicht nötig. Ich habe doch gesehen, dass sie es nicht absichtlich gemacht hat und woher der Schwindel und die Übelkeit kamen, haben wir doch auch geklärt. Ich verstehe, dass du dich als Arzt verantwortlich fühlst, aber es geht hier um mehr als das. Du erinnerst dich, was ich zu euch gesagt habe?“ Sie sah ihn bedeutungsvoll an. „Außerdem sollte ihre erste Erinnerung an uns nun wirklich nicht sein, dass wir ihr Probleme machen und Stress mit Charlie verursachen. Die beiden haben sich Jahre nicht gesehen, sie müssen sich erst mal wieder aneinander gewöhnen. Denkst du wirklich, dass sie sich hier wohlfühlt, wenn all ihre Bezugspersonen sie auf einmal für schwach, kränklich oder schonungsbedürftig halten? Also ich fände das richtig ätzend, ich würde so schnell ich könnte aus Forks abhauen. Und keiner von uns will doch, dass Hope so schnell wieder geht, oder? Vor allem nicht wegen eines blöden Missverständnisses.“

Ihre Stimme war ruhig, aber durchdringend und sie hatte nichts mehr von dem aufgedrehten Flummi, der keine Sekunde still sitzen konnte. Carlisle nickte schließlich. „Du hast Recht. Ich vergaß, dass du es gesehen hast. Nun, in dem Fall können wir es dabei belassen, dass wir uns hier wieder sehen, wenn so etwas noch einmal passiert, um eine ordentliche Untersuchung zu machen.“ Er sah mich fragend an und ich nickte schnell. „Klar, kein Problem.“ Es wird nämlich nie wieder geschehen. Ich lächelte Alice an und sie zwinkerte mir zu. „Bild dir nicht allzu viel darauf ein“, grinste Emmet. „Alice würde alles tun, um ihre zweite lebensgroße Barbie zu behalten.“ Bella verdrehte die Augen und guckte betont leidend, aber der Rest der Cullens lachte bestätigend. Auch Alice grinste. „Tja, du schuldest mir jetzt einen Shoppingnachmittag.“ Sie rieb sich freudig die Hände. „Wir werden viel Spaß haben!“ Mann, fehlte nur noch die gruselige Hintergrundmusik und die Drohung wäre perfekt gewesen. Ich hasste Shopping.

Ich fasste noch einmal zusammen: Ich hatte Müll gefressen, war mehrmals nur knapp einer Panikattacke entkommen, hatte mitten auf die Straße gekotzt und mich später selbst k.o geschlagen und als wäre das nicht schon genug Leid für einen Tag, durfte ich jetzt auch noch shoppen gehen. Mann. Mein Leben war echt scheiße.


Zuletzt von LittleAngel am So Jan 22, 2012 12:34 pm bearbeitet; insgesamt 4-mal bearbeitet
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Re: Till death do us part (Prolog+6)

Beitrag von LittleAngel am So Jun 12, 2011 2:44 am

Ein Königreich für ein bisschen Frieden Rolling Eyes Also ernsthaft, langsam ist es nicht mehr lustig wie das Leben mich davon abhält zu posten... Naja, auch wenn es wahrscheinlich keiner mehr liest, hier das nächste Kapitel Embarassed


Kapitel 6

Bellas POV:


Ich wachte auf, weil mich irgendetwas störte. Der eben noch so warme und weiche Körper neben mir war auf einmal kalt und hart. Verwirrt rieb ich mir die Augen und setzte mich auf. „Schlaf weiter, ich bins nur“, hörte ich Edwards sanfte Stimme und entspannte mich sichtlich, knipste aber trotzdem die kleine Lampe neben meinem Bett an. „Was tust du hier?“ „Ich sehe dir beim Schlafen zu“, antwortete er als wäre es das Normalste der Welt. Gut, das war es für ihn vielleicht auch, aber das hatte ich ja auch gar nicht gemeint. „Sarah kriegt einen Herzinfarkt, wenn sie dich sieht!“ Er verdrehte die Augen. „Du musst mich für ganz schön dämlich halten! Ich habe natürlich gewartet bis ihr beide angefangen habt im Schlaf zu reden.“ Er grinste. „War übrigens ganz schön interessant, was du so über mich zu sagen hattest.“ Oje. „Du fehlst mir halt“, murmelte ich verlegen und er lächelte und drückte mir einen Kuss auf das Haar. „Du mir auch. Aber ich fürchte fast, dass Sarah nicht besonders begeistert wäre, wenn sie morgens mit mir in einem Bett aufwachen würde.“ Ich lachte auf. „Das stimmt wohl. Aber ich denke auch nicht, dass sie ab jetzt jede Nacht bei mir im Bett schlafen wird... Apropos, wo ist sie eigentlich?“ „Ihr Handy hat vor zehn Minuten geklingelt, sie sitzt in der Küche und telefoniert.“ „Ah“, machte ich. „Wie spät ist es denn?“ „Schlafenszeit“, antwortete Edward und versuchte mich zurück auf die Matratze zu drücken. Aber ich war zu aufgeregt und schüttelte ihn energisch ab.


„Jetzt wo wir schon mal allein sind: Wie findest du sie? Sie ist toll, oder?“ Edward sah mich an und der Ausdruck in seinem Gesicht gefiel mir gar nicht. „Oder?“ Er seufzte leicht. „Weißt du... Sie ist nett und lieb, keine Frage, aber sie scheint eine Menge durchzumachen und ich bin mir nicht sicher, inwieweit der Kontakt zu ihr gut für dich ist.“ Ich starrte ihn an, fassungslos. Dann rutschte ich ein paar Zentimeter von ihm weg. „Das ist nicht dein Ernst! Sie ist das wunderbarste, liebenswürdigste Wesen, das ich kenne! Sie hat immer auf mich aufgepasst, hat mich beschützt, sich vor mich gestellt, wenn jemand gemein zu mir war und das obwohl ich die Ältere bin und sie schon immer kleiner und zierlicher als ich war! Wie kannst du... wie kannst du sagen, dass sie nicht gut für mich ist? Sie würde nie etwas tun, das mir schadet!“ Außer den Kontakt abzubrechen, aber das hatte Edward schließlich auch getan. Mein Freund machte ein unglückliches Gesicht. „Ich meinte auch nicht, dass sie dir absichtlich wehtun wird. Bella wirklich, ich mag sie, aber ich mache mir auch Sorgen um dich, das kannst du mir nicht vorwerfen. Du hast sie doch heute erlebt, es geht ihr nicht wirklich gut und ich habe Angst, dass dich ihre Anwesenheit runterzieht. Schau Bella, mit psychischen Erkrankungen ist nicht zu spaßen, das ist auch für das Umfeld eine große Belastung und ich hätte mir für dich eben gewünscht, dass du damit nicht konfrontiert wirst."


Mein Herz pochte wütend, ich ballte meine Hände zu Fäusten und musste mich stark zusammenreißen, um nicht laut zu werden. „Sarah ist nicht krank! Sie hat es nicht leicht gehabt, ja, aber sie ist stark, sie kommt damit klar! Und sie ist gerade erst zurückgekommen, sie muss sich erst wieder einleben, natürlich stresst es sie auf einmal so viele neue Leute kennenzulernen oder auf Menschen zu treffen, die sie Jahre nicht gesehen hat! Du kennst sie nicht, Edward, ich bin mit ihr aufgewachsen! Sie ist nicht krank, sie ist ganz normal!“ „Krank ist kein Schimpfwort, Bella“, sagte Edward leise. „Es bedeutet nur, dass in ihrem Leben Dinge passiert sind, die sie nicht verarbeiten konnte und die ihr jetzt noch Probleme machen.“ „Sie ist nicht krank!“, fauchte ich erneut. Sarah und nicht normal, das war einfach lächerlich. Sie war die stärkste Person, die ich kannte. Es war alles okay mit ihr und ich würde nicht zulassen, dass jemand ihr ein anderes Gefühl gab, auch Edward nicht! Ich erlaubte nicht, dass man mir Sarah wieder wegnahm und ich wusste, dass sie gehen würde, wenn sie sich hier nicht erwünscht fühlte.


„Bella“, versuchte es Edward erneut, aber ich blitzte ihn nur an. „Wag es ja nicht, Edward! Ich warne dich, lass sie in Ruhe!“ Mein Freund verdrehte die Augen. „Niemand will ihr etwas Böses, Bella! Wir mögen sie! Es geht nur darum, dass ich besorgt bin, dass du leidest, wenn du siehst wie schlecht es ihr geht.“ „Es geht ihr gut“, knurrte ich. „Sie muss sich nur einleben! Und selbst wenn, sie hat Jahre auf mich aufgepasst, dann kümmere ich mich jetzt halt um sie! Sie braucht nur wieder einen Alltag und feste Bezugspersonen, ist doch klar, dass sie nicht richtig fest im Leben steht, wenn sie alle paar Monate umziehen musste! Alles was sie braucht ist eine Freundin und die hat sie jetzt, dann wird auch alles wieder gut! Genauso wie früher...“ Mein Freund hob eine Augenbraue und ich wusste, dass er mich für naiv hielt, aber das war mir egal. Er kannte Sarah nicht. Er wusste nicht wer sie war. Er sah nur, dass sie jetzt ein wenig durcheinander war und dichtete ihr irgendwelche Schwächen und Probleme an, die sie nicht hatte. Sarah war in Ordnung, verdammt!


Ein paar Minuten saß ich schweigend neben Edward und ignorierte seine besorgten Blicke. Ich war sauer und das sollte er ruhig merken. Niemand würde mir Sarah wegnehmen und jeder der es versuchte würde meine Krallen zu spüren bekommen, jawohl! „Ich guck mal wo sie ist“, sagte ich schließlich und stand auf. „Sieh zu, dass du weg bist, wenn wir hochkommen, ich möchte ihr nicht erklären müssen wie du unbemerkt in mein Zimmer gekommen bist.“ Damit zog ich meine Zimmertür etwas heftiger als es nötig gewesen wäre hinter mir zu und ging die Treppe hinunter. Das Licht in der Küche brannte und ich hörte Sarah... Hope leise reden. Ich blieb stehen, unsicher ob ich das Gespräch unterbrechen oder wieder zu Edward zurückgehen sollte. Und während ich noch überlegte, schnappte ich ein paar Gesprächsfetzen auf und ging etwas näher an die Küchentür heran. Ich wusste, es war nicht in Ordnung zu lauschen, aber ich musste einfach wissen, ob sie sich hier wohl fühlte oder ob sie mich wieder verlassen würde. Und ich wollte aus ihrem Mund hören, dass es ihr gut ging, dass Edward sich irrte.


„Nein. Nein, kein Blut.“ Sie schwieg. „Ich weiß nicht, vielleicht fünf Mal. Mein Hals, sonst nichts. Ähm ja... eine kleine Beule, ich bin gegen einen Baum gerannt. Hör auf zu lachen, das ist überhaupt nicht typisch für mich!“ Sie seufzte. „Ich hatte einen Flashback. Nein, nein, schon okay, du musst nicht herkommen. Ist nicht so schlimm, ich habs schon fast wieder vergessen.“ Ich riskierte einen Blick und sah sie nachdenklich auf ihr Handgelenk starren. „Sie sind alle sehr nett. Ich meine, ich habe damit gerechnet, dass Jake sich freut und dass Billy und Charlie mich mit offenen Armen aufnehmen, aber dass Bella... Ja. Es ist wie früher. Aber ich denke trotzdem nicht, dass sie mir schon verziehen hat. Ja, ich weiß. Ja. Ja, die Familie ist wirklich super. Der Vater ist Arzt, das ist natürlich nicht so toll, aber er ist wirklich nett und hat mich ganz normal behandelt. Hmm. Die üblichen Fragen halt und meine Temperatur war etwas niedrig, aber das ist ja nichts Neues. Nein, mir geht’s gut, wirklich. Hmm? Nein, wirklich! Klar, auf einmal wieder Mitbewohner zu haben ist merkwürdig und mit einem Mann zusammenzuwohnen ist irgendwie auch... genau. Aber Charlie ist toll, er lässt uns weitestgehend in Ruhe, wir haben unser eigenes Bad, können aufbleiben so lange wir wollen... es ist eigentlich wie in einer eigenen Wohnung, nur dass du nie wirklich allein bist. Hat halt alles Vor- und Nachteile.“ Sie schwieg ein paar Sekunden, zog die Beine an und legte ihre Stirn auf ihre Knie. „Ja. Nein. Nein, ich habe eine Matratze bei ihr im Zimmer, aber ich hab bis jetzt bei ihr im Bett geschlafen. Nein, nein, es war schön eigentlich. Hatte seit Ewigkeiten mal wieder keinen Albtraum. Aber peinlich ist es irgendwie schon, ja.“


Sie lauschte den Worten ihres Gesprächspartners. „Ja, mal sehen. Ich werd dann ja eh bald wieder weg sein, wenn du die Wohnung hast, oder? Nein... nein, eigentlich würd ich lieber hier bleiben, ich möchte gerade wirklich nicht alleine sein, aber das kann ich nicht bringen, schlimm genug, dass ich mich hier einfach so ein paar Wochen einquartiere. Hmm. Ja. Ja... ja, egal. Wird schon.“ Sie wechselte offenbar abrupt das Thema. „Weißt du wann du mit der Schule sprichst? Ach? Und? Was, Montag schon? So schnell? Ah okay. Hat offenbar doch Vorteile die Nichte des Chiefs zu sein.“ Sie seufzte und presste sich zwei Finger gegen die Stirn. „Nein. Nein, ich bin nicht traurig, ich bin nur... Hier ist so ein Junge, weißt du? Er... egal. Jedenfalls kann ich nicht aufhören ihn anzustarren und ich hab Angst, dass es auffällt. Es ist echt erbärmlich, weißt du? Es ist nur... Emmet ist so...“ Sie schwieg erneut. „Nein, nicht so. Weißt du, seine Art und sein Aussehen... ja. Doch, ich finde es schon erbärmlich. Hmm. Ja. Ja, ich weiß. Es tut weh ihn zu sehen, aber es ist gleichzeitig so schön, ich kann nicht aufhören ihn anzustarren. Er fehlt mir so, Jess. Er fehlt mir jede Sekunde.“


Ich grinste breit. Sarah stand auf Emmet, wer hätte das gedacht? Ich schüttelte den Kopf und gluckste. Sarah zuckte zusammen und starrte mich erschrocken an. Ups. „Hey Cookie, ich hab mich gewundert wo du bleibst, alles klar?“, fragte ich so unbekümmert wie möglich und sie entspannte sich sichtlich. „Hey Jess, ich muss Schluss machen. Ja, ich grüße sie. Ja klar, versprochen. Ich erzähl dir wie es gelaufen ist. Mhh. Ja, ja dann oder spätestens Dienstag, Bellas Freundin hat mich zum Shoppen verdonnert. Ja, ja genau. Ich weiß, ich dachte auch schon daran mich aufzuhängen. Was? Ach komm, ich fand das lustig. Ja. Ja, Jess. Ja, ich hab dich auch lieb. Gute Nacht, schlaf schön. Und Jess? Danke.“


Sie klappte ihr Handy zu und lächelte mich an. „Liebe Grüße.“ Ich hob eine Augenbraue. „Wer war das?“ „Oh. Ähm... ein Freund.“ Sie lächelte. „Ein wirklich guter Freund. Tut mir Leid, hat mein Handy dich geweckt?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nö, mir war kalt und da dachte ich mir, ich gucke mal wo meine beste Freundin abgeblieben ist, damit sie mir die Füße wärmt.“ Sarah legte den Kopf in den Nacken und lachte befreit. Es war das erste Mal seit... hmm. Es war das erste Mal überhaupt, dass ich sie so losgelöst erlebte. Sarah hatte als Kind zwar viel gelächelt, aber wirklich frei lachen hatte ich sie -wenn überhaupt- sehr, sehr lange nicht mehr gesehen. Ich setzte mich zu ihr an den Tisch. „Fühlst du dich wohl?“, fragte ich sie ernst und sie sah mich überrascht an. „Ja, ja natürlich! Ich meine... es ist merkwürdig wieder hier zu sein, aber es ist wundervoll. Ich bin froh, dass es so gut läuft, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Ich bin sehr glücklich, Bella.“ Sie sah mich ernst an und ich lächelte erleichtert. „Schön zu hören. Weißt du, ich hab mir etwas Sorgen gemacht. Du bist gerade erst angekommen und schon geht alles drunter und drüber. Du bist wie ich, du ziehst den Ärger an wie das Licht die Motten.“ Sarah lachte. „Ach, so wild war es nun auch wieder nicht. Ich möchte nur nicht, dass du ein falsches Bild von mir bekommst oder dass die Cullens mich für einen Freak halten.“ Sie wurde rot und strich sich verlegen eine Strähne hinter das Ohr. „Sie waren so nett zu mir. Es war als hätte ich wieder eine Familie.“


Ich drückte ihre Hand. Ich konnte mir vorstellen wie sie sich fühlte. Als Scheidungskind wusste ich wie es war sich nirgends wirklich zu Hause zu fühlen und seit meine Mom mit mir Hals über Kopf Forks verlassen hatte und ich Sarah und meinen Dad zurücklassen hatte müssen, hatte ich mich niemals wirklich komplett gefühlt, es hatte immer etwas gefehlt. Sarah hatte weder Mutter noch Vater, Stiefvater oder Großeltern und Ben... wo Ben sich rumtrieb wusste ich nicht, ich hatte Jahre nichts mehr von ihm gehört. Ich wusste, dass Sarah Billy sehr liebte, er hatte sie praktisch aufgezogen und zumindest Charlie war ja immerhin noch ein Teil ihrer Familie, aber sie hatte lange keinen Kontakt mehr zu den beiden gehabt, also fühlte es sich sicherlich nicht mehr allzu vertraut an. Dann die Cullens zu erleben, die sie überhaupt nicht kannten aber dermaßen liebevoll und fürsorglich aufnahmen, musste ein Schock gewesen sein. Eine perfekte Familie war alles, was Sarah sich je gewünscht hatte und vermutlich waren die Cullens für sie so etwas wie ein Schinken für einen Hund oder ein Glas Wasser für jemanden, der am Verdursten war.


„Sie mögen dich“, war das einzige was ich sagen konnte und Sarah lächelte. Wir schwiegen eine Weile und ich gähnte verstohlen. „Hast du das eigentlich ernst gemeint?“, fragte meine Cousine schließlich. „Dass ich deine beste Freundin bin?“ Ich lächelte. „Klar. Du bist mehr als das, du bist meine Schwester, daran hat sich nichts geändert. Aber ich fürchte, du wirst dir die Stelle mit Alice teilen müssen.“ Ich lachte, wurde aber sofort ernst, als ich Sarahs Gesichtsausdruck sah. „Ach Sarah“, sagte ich. „Ich bin nicht böse, ich bin einfach froh, dass du wieder da bist. Ich hab dich doch lieb!“ Sie blinzelte heftig. „Ich dich auch.“ Ich grinste, stand auf und zog sie dann hinter mir her. „Na los, mir frieren gleich die Füße ab.“ Sie folgte mir in mein Zimmer. „Ach, frierst du auch immer so schnell?“ „Nur an den Füßen“, antwortete ich, hüpfte auf mein Bett und krabbelte unter die Bettdecke. Edward war nicht mehr da. Ich fühlte mich schuldig. Sarah blieb unschlüssig im Raum stehen und setzte sich dann schließlich auf die auf dem Boden liegende Matratze. Schweigend warf ich ihr ihre Bettdecke und das zerknüllte Kopfkissen herüber. Sie deckte sich zu und starrte mich nachdenklich an. „Bella?“, fragte sie schließlich und ich grummelte bestätigend. „Ich weiß, dass das mit dem neuen Namen komisch für dich ist, aber wenn ich dir sagen würde, dass es wirklich, wirklich wichtig für mich ist nicht mehr Sarah zu heißen, meinst du, du könntest dich dann an Hope gewöhnen?“ Ich öffnete überrascht die Augen und nickte. „Klar. Ich vergesse es nur irgendwie immer wieder, aber ja, natürlich, ich versuche daran zu denken, in Ordnung?“ Sie lächelte mich dankbar an und seufzte erleichtert. „Danke.“


Wir schwiegen erneut ein paar Minuten. „Hope?“, fragte ich schließlich und sie brummte. „Kann ich dich mal was fragen?“ „Klar“, murmelte sie und drehte sich auf die Seite. „War es sehr schlimm, nachdem Renée mich mit nach Kalifornien genommen hatte?“ Die Züge um ihren Mund herum verhärteten sich deutlich und sie antwortete nicht. „Es tut mir Leid, dass ich gegangen bin.“ „Du warst nur ein Kind, was hättest du schon tun sollen?“ „Ich hab sie den ganzen Weg über angeschrien, dass sie mich zurückbringen soll“, wisperte ich leise. „Ich hatte so eine Angst! Er war immer so nett zu uns, ich habe nie verstanden, warum er auf einmal so ausgerastet ist.“ „Er war betrunken, er konnte sich wohl später nicht mal mehr daran erinnern“, sagte Sarah und drehte sich wieder auf den Rücken. „Aber er hat sich doch entschuldigt, oder?“ „Natürlich.“ „Gut“, sagte ich, nickte und lächelte erleichtert. „Gut, dass es ihm Leid tat.“ „Ja.“


Wir schwiegen. „Hope?“, fragte ich nach einer Weile erneut und sie seufzte. „Ja?“ „Was hältst du von Edward?“ „Er scheint dich sehr zu lieben.“ „Ja“, lächelte ich. „Ja, das tut er.“ „Das ist gut.“ „Mhh“, machte ich. „Aber was denkst du über ihn?“ „Er wirkt nett“, antwortete sie zögernd und ich setzte mich auf. „Aber?“ „Kein Aber.“ „Du magst ihn nicht.“ Sa... Hope seufzte. „Doch, Bella. Ich finde ihn sehr nett. Ich kann ihn noch nicht einschätzen, das ist alles.“ Ich machte ein fragendes Geräusch. Meine Cousine stöhnte und rieb sich über die Stirn. „Ach Mensch... Schau, er scheint nicht so wie andere Jungen in unserem Alter zu sein, eigentlich wirkt die ganze Familie irgendwie... anders. Und das find ich gut, versteh mich nicht falsch, aber dadurch kann ich sie schlecht einschätzen. Und manchmal sieht er mich so an als würde er versuchen meine Gedanken zu lesen, das gefällt mir nicht.“ Ich grinste innerlich. Wenn sie gewusst hätte wie Recht sie mit ihrer Annahme lag, wäre Hope vermutlich ausgerastet.


„Das ist alles?“ Sa... Hope, kriegs endlich in deinen Schädel, verdammt! Sie hat dich nur um diese eine Sache gebeten, also kriegs auf die Reihe! Hope seufzte. „Schau Bella, er ist ein Mann. Es ist nicht... Ich bin nicht geübt im Umgang mit Männern.“ Es passte mir nicht wie sie mich ansah. „Gut, das passt zu deinem Verhalten gegenüber Carlisle, aber Edward? Wo liegt bitteschön der Unterschied zwischen Edward und Jasper, Emmet, Billy, Charlie und Jake? Das sind auch Männer und sie siehst du ganz anders an!“ Verdammt, ich wurde sauer. Ich wollte nicht sauer werden, ich hatte Angst Sarah ähnlich hart anzufahren wie vorhin Edward. Ich hatte mir geschworen nicht zuzulassen, dass sie mir jemand nahm und jetzt würde ich vielleicht diejenige sein, die sie vertrieb. Ich atmete tief ein und aus. Ruhig. „Billy ist keine Gefahr. Er ist der beste Mensch der Welt. Abgesehen davon könnte er mir nicht mal was tun, wenn er wollte, du weißt schon... Jake ist zwar riesig geworden, aber von meinem Gefühl her ist er immer noch der kleine Junge von früher. Charlie, keine Ahnung. Es ist komisch mit ihm, fremd, aber ich kenne ihn, er tut mir nichts. Und Jasper ist ruhig, schüchtern. Er ist harmlos, bei ihm muss ich mir keine Gedanken machen.“ Ich knurrte. „Aber vor Edward musst du Angst haben, oder wie? Du spinnst doch! Edward ist nicht gefährlich oder so, er würde niemandem etwas tun!“ Meine Cousine setzte sich auf und sah mich ernst an. „Bella, jetzt hör mir mal zu. Ich mag Edward, das tue ich wirklich. Es geht nicht darum, dass ich ihm irgendetwas unterstelle oder dass ich ihn für einen bösen oder gefährlichen Menschen halte. Ich kenne ihn nicht, aber ich vertraue ihm- bis zu einem gewissen Punkt. Ich bin sicher, dass er dich liebt. Ich bin davon überzeugt, dass er alles tun würde um dich zu beschützen und glücklich zu machen. Ich halte ihn für einen guten Menschen. Aber ich fühle mich komisch in seiner Gegenwart, wie auch bei Carlisle und manchmal sogar bei Charlie, ja. Ich kann sie nicht einschätzen und deswegen bin ich etwas verunsichert. Sie sind anders. Aber ich habe sie gerade erst kennengelernt, es ist eher unnormal wie ich mich zum Beispiel bei Jasper fühle.“ Ich sah sie fragend an. „Ich bin so ruhig und entspannt in seiner Gegenwart, das ist schön.“ Ich lachte auf. „Das ist sozusagen Jaspers Spezialität, ja.“


Sie lächelte und ich entspannte mich langsam. Sie mochte Edward, aber sie merkte, dass er anders war. Vielleicht würde sie besser damit klarkommen, dass die Cullens Vampire waren als ich gedacht hatte. Vielleicht konnten wir es ihr sagen. Es wäre schön mit einem menschlichen Wesen über solche Dinge reden zu können, nicht immer so tun zu müssen als würde einen nichts erschüttern. Scheiße noch mal, es war verdammt gruselig, wenn der Freund nach dem eigenen Blut lechzte. Ich warf Hope einen warmen Blick zu. „Was sagst du zu den anderen?“ Hope lächelte. „Esme... sie ist wunderbar, so lieb, fürsorglich... ich wünschte sie wäre meine Mom. Carlisle... wie gesagt, er wirkt nett. Ich denke, er ist in Ordnung. Edward ist absolut hinreißend, wenn es um dich geht, knuffig ohne Ende, ich liebe es wie er dich ansieht, als wärst du das Wertvollste und Hinreißendste auf der Welt.“ Ich lächelte. „Jasper ist merkwürdig, aber auf eine gute Art und Weise. Sehr zurückhaltend und klug. Ich weiß nicht was ich sagen soll, ich mag ihn einfach. Und Alice... tja, was sagt man über Alice?“ Ich lachte. „Ja, ich weiß. Sie ist etwas abgedreht, aber sie hat ein gutes Herz, sie ist ein Schatz, wirklich. Sie ist sehr wichtig für mich.“ Hope nickte und für einen kurzen Moment schienen sich ihre Augen zu verdunkeln. Sie wirkte traurig. „Was sagst du zu Rosalie?“, fragte ich schnell und deckte mich etwas fester zu. „Nimm dir ihr Verhalten nicht so zu Herzen, zu mir ist sie genauso. Ich glaube, sie mag einfach keine Menschen.“ Ich kicherte über meinen eigenen Witz. Hope allerdings lachte nicht. „Ich weiß nicht. Sie ist nicht sehr gesprächig, klar, aber sie kennt mich ja auch noch nicht, also gibt sich das vielleicht noch. Und selbst wenn nicht, jeder hat seine Vergangenheit und seine Eigenarten, kein Verhalten entsteht ohne Grund. Wenn sie also uns gegenüber distanziert ist, dürfen wir das nicht persönlich nehmen. Vielleicht hat sie als Kind jemanden verloren und kann sich deshalb nur schwer auf andere einlassen, vielleicht hat sie etwas so Traumatisches erlebt, dass sie diese Mauern um sich herum braucht. Oder sie mag uns einfach nicht. Auch das soll vorkommen, Murmel.“


Ich seufzte. Hope war nicht bereit Rosalie einfach als Zicke abzuschreiben, das war jetzt klar. Aber für mich war genauso klar, dass sie sich an ihr die Zähne ausbeißen würde. Rosalie war nicht nett und sie würde es auch niemals sein, das war einfach nicht ihre Art. Warum Emmet sie liebte war mir schleierhaft. Apropos... „Sag mal...“ Ich grinste. „Du stehst auf Emmet, oder?“ Hope starrte mich an, blinzelte und dann klappte ihr die Kinnlade herunter. „Was?“ „Ist doch nicht schlimm“, lachte ich und amüsierte mich köstlich über ihren Gesichtsausdruck. „Emmet ist klasse.“ Hope hustete. „Ich steh doch nicht auf Emmet, bist du verrückt? Wie kommst du denn auf so was?“ „Ähm“, machte ich. Sie darf nicht erfahren, dass du gelauscht hast, sie wird dir sonst nicht mehr vertrauen. „Du guckst ihn immer so an.“ „Oh, das.“ Sie wurde rot. „Er erinnert mich an Ben, weißt du?“ Ich runzelte die Stirn. Emmet hatte nicht viel mit meiner Erinnerung an meinen Cousin gemein, aber ich hatte ihn ja auch bestimmt zehn Jahre nicht mehr gesehen. Ich wusste nicht mehr viel von ihm, aber er musste etwa fünf Jahre älter als wir sein und ich hatte ihn als sehr extrovertiert und auf Hope fixiert erlebt. Wo immer sie war, war er auch. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte er angefangen sie zum Schlafen in sein Zimmer zu holen und ihr wie ein Hund überall hin zu folgen. Er weigerte sich sie alleine zu Hause zu lassen, einzig und allein wenn wir bei Charlie oder Billy waren, hatte er uns mit missmutigem Blick alleine spielen gelassen. Roman und Ben waren oft aneinander geraten und hatten sich in Sachen Aggressivität nicht viel geschenkt. Sie hatten sich gehasst und Hope war oft zwischen die Fronten geraten, weil sie versucht hatte es jedem Recht zu machen. Vielleicht war das der Grund, warum Hope so verschüchtert auf Männer reagierte, vielleicht hatte sie dann immer wieder die beiden vor Augen, wie sie sich anschrien, mit Sachen schmissen oder aufeinander losgingen. Und zumindest einmal hatte auch Hope eine dieser Wutattacken ausbaden müssen, das wusste ich. Und es war meine Schuld gewesen, etwas, was ich immer noch mit mir herumtrug.


„Hope“, sagte ich und meine Stimme zitterte. „Was ist mit Ben? Wo ist er?“ Sie sah mich nicht an. „Ben ist tot“, sagte sie düster. „Er starb an meinem dreizehnten Geburtstag.“
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